Die aktuellen Premieren der Privat- und Staatstheater

Die Gebrüder Wolf: Jannik Nowak und Stephan Möller-Titel © Sinje Hasheider
Die Gebrüder Wolf: Jannik Nowak und Stephan Möller-Titel © Sinje Hasheider

Die Neuproduktionen im März:

 

OHNSORG THEATER

JUNGS VUN DE WATERKANT –
 DIE GEBRÜDER WOLF

Wer kennt ihn nicht, den Hamburger 
Gassenhauer „An de Eck steiht’n
 Jung mit’n Tüdelband“? Erfunden haben 
ihn die Gebrüder Wolf, die in den
 1920er Jahren als

Musiker, Komiker und Varieté-Künstler populär waren. 
Ludwig, Leopold und James

Isaac waren
 die Söhne eines jüdischen Schlachters
 aus der Neustadt. James verließ
 

die Truppe schon bald, um Zeitungshändler 
zu werden. Mit ihren Liedern
 und deftigen Couplets wurden die Gebrüder
 Wolf danach sogar international
 bekannt. Den jüdischen Nachnamen 
Isaac hatten sie nach dem Ersten 
Weltkrieg in Wolf umändern lassen.  Nachdem Leopold 1926 gestorben war,
 nahm sein Sohn James Iwan dessen
 Platz ein.

Mit dem Aufziehen des Nationalsozialismus
 wurde ihre Arbeit 
immer schwieriger, bis

ihnen 1939 ein
 Auftrittsverbot erteilt wurde. Regisseur
 Ingo Putz bringt die bewegende
 Lebensgeschichte der „Jungs vun

de 
Waterkant“ auf die Bühne des Ohnsorg 
Theaters, unterstützt von der Band
 „Mahoin“ (der Name ist eine Mischung 
aus

Moin und Ahoi), die bei ihren 
sonstigen Auftritten mit schmissiger
 Shanty- und Matrosenmusik für gute
 Laune sorgt.

 

DEUTSCHES SCHAUSPIELHAUS

ALPHABET

Es beginnt mit A wie Aprikosenbäume.
 Es folgen 14 Kapitel, die die Welt
 beschreiben – auf eine ganz besondere 
Art. Die

dänische Dichterin Inger
 Christensen (1935 – 2009) reihte systematisch
 Wörter in alphabetischer 
Reihenfolge aneinander

und setzte sie
 zudem in Bezug zu den sogenannten 
Fibonacci-Zahlen, die die Wachstumsmuster 
in der Natur ordnen.

Es entstand 
das Großgedicht „alphabet“, das
 zu den innovativsten und bedeutendsten
 Dichtungen des 20. Jahrhunderts
 

zählt. Christensen bündelt die Wörter
 zu Begriffen wie Vielfalt, Phänomene,
Verfall, Chemische Elemente oder Natur.
 Aber

auch menschliche Wahrnehmungen
 wie Entsetzen, Gefühle und
 Tod greift sie auf. Daraus ergibt sich
 auch die Frage: Wie

passt der Mensch 
in dieses System? Der Schweizer Regisseur,
 Musiker und Bühnenbildner
 Thom Luz hat sich das Gedicht vorgenommen
 und macht im Schauspielhaus 
einen von Musik durchdrungenen,
 traurig-schönen, aber auch
 humorvollen

Theaterabend daraus.
 Mit drei herausragenden Schauspielerinnen 
aus drei Generationen: Alberta
 von Poelnitz, Ilse Ritter

und Julia
 Wieninger.

 

 

THALIA THEATER

DER ZERBROCHNE KRUG

Dorfrichter Adam sitzt in der Zwickmühle.
 Er muss gegen sich selbst ermitteln
 und lügt, was das Zeug hält,
 um seine Missetat

– nämlich den 
nächtlichen Einstieg in die Kammer 
der jungen Eve – zu verschleiern. „Der
 zerbrochne Krug“ ist der Anlass für
 

den Gerichts-Prozess. Frau Marthe
 Rull glaubt, der Verlobte ihrer Tochter
 sei es gewesen, doch der wahre Schuldige 
sitzt auf

dem Richterstuhl und
 pfeift auf Recht und Ordnung, um seine
 Macht und sein Ansehen nicht zu
 gefährden. Kleists böse Komödie, die
1808 in Weimar uraufgeführt wurde,
 ist ein klassischer Dauerbrenner auf 
den Theaterbühnen, und der Dorfrichter
 Adam eine

der begehrtesten Rollen
 für große Charakterdarsteller. In Hamburg
 spielten ihn zuletzt u. a. Philipp
 Hochmair (2012 auf riesiger Gerechtigkeits-
Wippe im Thalia Theater) und
 Carlo Ljubek (2019 weiß geschminkt 
und nackt im Schauspielhaus). Jannik
 Hinsch,

seit dieser Saison neu am Thalia,
 ist mit 31 Jahren ein vergleichsweise 
junger Dorfrichter in Lilja Rupperts 
Inszenierung. Es bleibt spannend.

 

ERNST DEUTSCH THEATER

WINDSTÄRKE 17

Mit ihrem ersten Roman „22 Bahnen“ 
landete die damals 28 Jahre junge
 Caroline Wahl 2023 einen Überraschungserfolg.
 Gleich

darauf folgte
 „Windstärke 17“, die Fortsetzung, aber 
auch eine eigenständige Geschichte,
 die Ayla Yeginer, Co-Intendantin
 des

Ernst Deutsch Theaters, jetzt auf
 die Bühne bringt. Ida verkraftet den
 Selbstmord ihrer alkoholkranken Mutter
 nicht. Voller

Selbstvorwürfe und einer
 Wut von Windstärke 17 im Bauch
 flieht sie überstürzt aus ihrer Wohnung 
in einer Kleinstadt. Nur weg,
 

egal wohin. Sie strandet auf Rügen,
 findet Arbeit und Aufnahme bei Kneipenwirt 
Knut und seiner Frau Marianne.
 In dem psychisch verletzten 
jungen Leif findet sie einen Gleichgesinnten
 und langsam setzt bei ihr ein 
Heilungsprozess ein, der allerdings
 wieder

gestört wird, als Marianne an
 Krebs erkrankt. Idas neu gewonnene 
Kraft wird auf die Probe gestellt. Unsentimental
 und mit

schnodderig frischer
 Sprache bringt Caroline Wahl 
Idas Entwicklung zu einem berührenden
 Ende, das ein Gefühl der Zuversicht
 hinterlässt.

 

HAMBURGER KAMMERSPIELE

DER ÜBERLÄUFER

Es war der zweite Roman von Siegfried 
Lenz. 1951, sechs Jahre nach Kriegsende, 
war das Thema jedoch noch zu
 brisant, der

Verlag lehnte ihn aus politischen 
Gründen ab. Erst 2016, zwei
 Jahre nach dem Tod des Schriftstellers,
 wurde „Der Überläufer“ schließlich
 veröffentlicht, ein Antikriegsroman,
 der das Dilemma, zwischen Pflicht
 und Moral wählen zu müssen, zur Diskussion 


stellt. 1944, das Ende des Zweiten
 Weltkriegs naht. Walter Proska,
 ein junger Soldat, wird nach dem Heimaturlaub
 auf einen

verlorenen Posten
 an der Ostfront geschickt. Ein unberechenbarer 
Offizier führt dort das Kommando.
 Walter beschäftigt sich

immer
 mehr mit der Frage nach Schuld und 
Pflichterfüllung. Muss er schießen, um 
nicht selbst erschossen zu werden? Ein
 

Kamerad, der selbst zur Roten Armee 
übergelaufen ist, versucht, ihn davon 
zu überzeugen, ihm zu folgen. 
Zum 100. Geburtstag

von Siegfried 
Lenz hat Intendant Axel Schneider den
 Roman für die Bühne bearbeitet. Kai
 Hufnagel inszeniert ihn an den Kammerspielen.

 

STAATSOPER HAMBURG

DIE GROSSE STILLE

In eine Welt weit entfernt von der Erde 
möchte Regisseur Christoph Rüping
 das Publikum mit seinem Musiktheaterprojekt
 entführen.

Eine kleine Gruppe
 Menschen lebt dort, die Erde und 
ihre Kultur sind höchstens noch eine
 vage Erinnerung. Wie aber kann diese
 Erinnerung aufrechterhalten werden,
 damit niemand vergisst, was es 
heißt, Mensch zu sein? Die Rettung 
bringt die Musik

von Mozart. Sie wird 
zum Ritual und zur Routine und hält
 die Verbindung aufrecht zur Vergangenheit
 und dem entrückten Planeten.

Wenn sie verstummt, gibt es nur noch 
„Die große Stille“. Rüping, der bisher 
in Hamburg am Thalia Theater inszenierte, 
arbeitet nun

zum ersten Mal
 an der Staatsoper. Er möchte mit diesem
 Projekt auf die – manchmal sogar 
existenzielle – Bedeutung von Musik 
als Kulturgut hinweisen. Die musikalische 
Leitung hat Generalmusikdirektor
 Omer Meir Wellber, es singt unter anderem
 Startenor und Publikumsliebling
 Gregory Kunde.

 

ALLEE THEATER


HOFFMANNS ERZÄHLUNGEN

Der Titel verweist auf den Dichter
 E. T. A. Hoffmann. Einige seiner Erzählungen 
liegen Jacques Offenbachs
 Fantastischer Oper

zugrunde, die 1881
– kurz nach seinem Tod – in Paris
 uraufgeführt wurde. Wechselnd zwischen 
Illusion und Wirklichkeit entwickelt
 

sich ein Liebespanorama voller
 Leid, Täuschung und Zerstörung. Der 
Dichter sitzt in einer Weinstube und 
berichtet von seinen

drei gescheiterten 
Liebschaften: Olympia entpuppt sich
 als ein Automat. Die Sängerin Antonia
 weiß, dass der Gesang ihren Tod 


bedeutet, und lässt sich trotzdem zum 
Singen verleiten. Und die Kurtisane
 Giulietta raubt Hoffmann sein Spiegelbild
 und damit

seine Identität. Am Ende
 scheitert der Künstler an der eigenen
 Sehnsucht nach Liebe. Intendant 
Marius Adam hat „Hoffmanns Erzählungen“,
 die zwischen Humor, Ironie, 
Düsternis und Romantik eine Fülle
 von Stimmungen und Klangfarben bereithalten, 


für das Allee Theater aufbereitet.

 

Karten für die Neuproduktionen finden Sie im Ticketshop