Die aktuellen Premieren der Privat- und Staatstheater
Die Neuproduktionen im März:
OHNSORG THEATER
JUNGS VUN DE WATERKANT –
DIE GEBRÜDER WOLF
Wer kennt ihn nicht, den Hamburger
Gassenhauer „An de Eck steiht’n
Jung mit’n Tüdelband“? Erfunden haben
ihn die Gebrüder Wolf, die in den
1920er Jahren als
Musiker, Komiker und Varieté-Künstler populär waren.
Ludwig, Leopold und James
Isaac waren
die Söhne eines jüdischen Schlachters
aus der Neustadt. James verließ
die Truppe schon bald, um Zeitungshändler
zu werden. Mit ihren Liedern
und deftigen Couplets wurden die Gebrüder
Wolf danach sogar international
bekannt. Den jüdischen Nachnamen
Isaac hatten sie nach dem Ersten
Weltkrieg in Wolf umändern lassen. Nachdem Leopold 1926 gestorben war,
nahm sein Sohn James Iwan dessen
Platz ein.
Mit dem Aufziehen des Nationalsozialismus
wurde ihre Arbeit
immer schwieriger, bis
ihnen 1939 ein
Auftrittsverbot erteilt wurde. Regisseur
Ingo Putz bringt die bewegende
Lebensgeschichte der „Jungs vun
de
Waterkant“ auf die Bühne des Ohnsorg
Theaters, unterstützt von der Band
„Mahoin“ (der Name ist eine Mischung
aus
Moin und Ahoi), die bei ihren
sonstigen Auftritten mit schmissiger
Shanty- und Matrosenmusik für gute
Laune sorgt.
DEUTSCHES SCHAUSPIELHAUS
ALPHABET
Es beginnt mit A wie Aprikosenbäume.
Es folgen 14 Kapitel, die die Welt
beschreiben – auf eine ganz besondere
Art. Die
dänische Dichterin Inger
Christensen (1935 – 2009) reihte systematisch
Wörter in alphabetischer
Reihenfolge aneinander
und setzte sie
zudem in Bezug zu den sogenannten
Fibonacci-Zahlen, die die Wachstumsmuster
in der Natur ordnen.
Es entstand
das Großgedicht „alphabet“, das
zu den innovativsten und bedeutendsten
Dichtungen des 20. Jahrhunderts
zählt. Christensen bündelt die Wörter
zu Begriffen wie Vielfalt, Phänomene,
Verfall, Chemische Elemente oder Natur.
Aber
auch menschliche Wahrnehmungen
wie Entsetzen, Gefühle und
Tod greift sie auf. Daraus ergibt sich
auch die Frage: Wie
passt der Mensch
in dieses System? Der Schweizer Regisseur,
Musiker und Bühnenbildner
Thom Luz hat sich das Gedicht vorgenommen
und macht im Schauspielhaus
einen von Musik durchdrungenen,
traurig-schönen, aber auch
humorvollen
Theaterabend daraus.
Mit drei herausragenden Schauspielerinnen
aus drei Generationen: Alberta
von Poelnitz, Ilse Ritter
und Julia
Wieninger.
THALIA THEATER
DER ZERBROCHNE KRUG
Dorfrichter Adam sitzt in der Zwickmühle.
Er muss gegen sich selbst ermitteln
und lügt, was das Zeug hält,
um seine Missetat
– nämlich den
nächtlichen Einstieg in die Kammer
der jungen Eve – zu verschleiern. „Der
zerbrochne Krug“ ist der Anlass für
den Gerichts-Prozess. Frau Marthe
Rull glaubt, der Verlobte ihrer Tochter
sei es gewesen, doch der wahre Schuldige
sitzt auf
dem Richterstuhl und
pfeift auf Recht und Ordnung, um seine
Macht und sein Ansehen nicht zu
gefährden. Kleists böse Komödie, die
1808 in Weimar uraufgeführt wurde,
ist ein klassischer Dauerbrenner auf
den Theaterbühnen, und der Dorfrichter
Adam eine
der begehrtesten Rollen
für große Charakterdarsteller. In Hamburg
spielten ihn zuletzt u. a. Philipp
Hochmair (2012 auf riesiger Gerechtigkeits-
Wippe im Thalia Theater) und
Carlo Ljubek (2019 weiß geschminkt
und nackt im Schauspielhaus). Jannik
Hinsch,
seit dieser Saison neu am Thalia,
ist mit 31 Jahren ein vergleichsweise
junger Dorfrichter in Lilja Rupperts
Inszenierung. Es bleibt spannend.
ERNST DEUTSCH THEATER
WINDSTÄRKE 17
Mit ihrem ersten Roman „22 Bahnen“
landete die damals 28 Jahre junge
Caroline Wahl 2023 einen Überraschungserfolg.
Gleich
darauf folgte
„Windstärke 17“, die Fortsetzung, aber
auch eine eigenständige Geschichte,
die Ayla Yeginer, Co-Intendantin
des
Ernst Deutsch Theaters, jetzt auf
die Bühne bringt. Ida verkraftet den
Selbstmord ihrer alkoholkranken Mutter
nicht. Voller
Selbstvorwürfe und einer
Wut von Windstärke 17 im Bauch
flieht sie überstürzt aus ihrer Wohnung
in einer Kleinstadt. Nur weg,
egal wohin. Sie strandet auf Rügen,
findet Arbeit und Aufnahme bei Kneipenwirt
Knut und seiner Frau Marianne.
In dem psychisch verletzten
jungen Leif findet sie einen Gleichgesinnten
und langsam setzt bei ihr ein
Heilungsprozess ein, der allerdings
wieder
gestört wird, als Marianne an
Krebs erkrankt. Idas neu gewonnene
Kraft wird auf die Probe gestellt. Unsentimental
und mit
schnodderig frischer
Sprache bringt Caroline Wahl
Idas Entwicklung zu einem berührenden
Ende, das ein Gefühl der Zuversicht
hinterlässt.
HAMBURGER KAMMERSPIELE
DER ÜBERLÄUFER
Es war der zweite Roman von Siegfried
Lenz. 1951, sechs Jahre nach Kriegsende,
war das Thema jedoch noch zu
brisant, der
Verlag lehnte ihn aus politischen
Gründen ab. Erst 2016, zwei
Jahre nach dem Tod des Schriftstellers,
wurde „Der Überläufer“ schließlich
veröffentlicht, ein Antikriegsroman,
der das Dilemma, zwischen Pflicht
und Moral wählen zu müssen, zur Diskussion
stellt. 1944, das Ende des Zweiten
Weltkriegs naht. Walter Proska,
ein junger Soldat, wird nach dem Heimaturlaub
auf einen
verlorenen Posten
an der Ostfront geschickt. Ein unberechenbarer
Offizier führt dort das Kommando.
Walter beschäftigt sich
immer
mehr mit der Frage nach Schuld und
Pflichterfüllung. Muss er schießen, um
nicht selbst erschossen zu werden? Ein
Kamerad, der selbst zur Roten Armee
übergelaufen ist, versucht, ihn davon
zu überzeugen, ihm zu folgen.
Zum 100. Geburtstag
von Siegfried
Lenz hat Intendant Axel Schneider den
Roman für die Bühne bearbeitet. Kai
Hufnagel inszeniert ihn an den Kammerspielen.
STAATSOPER HAMBURG
DIE GROSSE STILLE
In eine Welt weit entfernt von der Erde
möchte Regisseur Christoph Rüping
das Publikum mit seinem Musiktheaterprojekt
entführen.
Eine kleine Gruppe
Menschen lebt dort, die Erde und
ihre Kultur sind höchstens noch eine
vage Erinnerung. Wie aber kann diese
Erinnerung aufrechterhalten werden,
damit niemand vergisst, was es
heißt, Mensch zu sein? Die Rettung
bringt die Musik
von Mozart. Sie wird
zum Ritual und zur Routine und hält
die Verbindung aufrecht zur Vergangenheit
und dem entrückten Planeten.
Wenn sie verstummt, gibt es nur noch
„Die große Stille“. Rüping, der bisher
in Hamburg am Thalia Theater inszenierte,
arbeitet nun
zum ersten Mal
an der Staatsoper. Er möchte mit diesem
Projekt auf die – manchmal sogar
existenzielle – Bedeutung von Musik
als Kulturgut hinweisen. Die musikalische
Leitung hat Generalmusikdirektor
Omer Meir Wellber, es singt unter anderem
Startenor und Publikumsliebling
Gregory Kunde.
ALLEE THEATER
HOFFMANNS ERZÄHLUNGEN
Der Titel verweist auf den Dichter
E. T. A. Hoffmann. Einige seiner Erzählungen
liegen Jacques Offenbachs
Fantastischer Oper
zugrunde, die 1881
– kurz nach seinem Tod – in Paris
uraufgeführt wurde. Wechselnd zwischen
Illusion und Wirklichkeit entwickelt
sich ein Liebespanorama voller
Leid, Täuschung und Zerstörung. Der
Dichter sitzt in einer Weinstube und
berichtet von seinen
drei gescheiterten
Liebschaften: Olympia entpuppt sich
als ein Automat. Die Sängerin Antonia
weiß, dass der Gesang ihren Tod
bedeutet, und lässt sich trotzdem zum
Singen verleiten. Und die Kurtisane
Giulietta raubt Hoffmann sein Spiegelbild
und damit
seine Identität. Am Ende
scheitert der Künstler an der eigenen
Sehnsucht nach Liebe. Intendant
Marius Adam hat „Hoffmanns Erzählungen“,
die zwischen Humor, Ironie,
Düsternis und Romantik eine Fülle
von Stimmungen und Klangfarben bereithalten,
für das Allee Theater aufbereitet.
Karten für die Neuproduktionen finden Sie im Ticketshop