Von Monet bis Picasso
Jüdische Kunstsammlerinnen und -sammler in Deutschland
Ernst Ludwig Kirchner, Paula Modersohn-Becker, Claude Monet, Max Pechstein, Pablo Picasso und vielen, vielen anderen zeigt das Bucerius Kunst Forum in seiner neuen Ausstellung. All diese Werke verbindet eines: Sie stammen aus Sammlungen deutscher Jüdinnen und Juden aus der Zeit vor 1945. Durch die Verfolgung der Eigentümerinnen und Eigentümer in der Zeit des Nationalsozialismus wurden die Sammlungen zerschlagen und die Werke in alle Welt verstreut. Ein Teil davon ist nun zu sehen.
Der Ausstellungsraum des Bucerius Kunstforums ist in 15 Kabinette unterteilt. Jedes davon widmet sich einer Familie, Paaren oder Einzelpersonen aus allen Teilen das damaligen Deutschen Reiches, die moderne Kunst sammelten. Hier kann man nicht nur die Kunstwerke betrachten, man erfährt auch viele Details zu den Personen hinter den Sammlungen – und zu ihrem Schicksal.
Faszinierend ist die Tatsache, dass besonders jüdische Sammlerinnen und Sammler sich durch großes Interesse an der modernen, avantgardistischen Kunst auszeichneten, die nicht dem Kanon des Kaiserreichs entsprach. Im späten 19. und 20. Jahrhundert war die offizielle Kunstpolitik noch weitgehend konservativ und hielt am Althergebrachten fest. Durch ihre öffentliche Unterstützung dieser neuen Kunstformen in Museen und Galerien sowie der Künstlerinnen und Künstler durch Kauf ihrer Werke, trugen die jüdischen Sammler wesentlich dazu bei, die neue Kunst zu etablieren. Oft handelte es sich bei ihnen um Menschen, denen der soziale Aufstieg gelungen war, und die nach gesellschaftlicher Anerkennung strebten.
Das ist natürlich nicht die ganze Geschichte. Die Ausstellung – die ganz eindeutig keine Ausstellung zum Thema NS-Raubkunst ist und sein will – macht auch deutlich, wie es mit den Lebensgeschichten und den Kunstwerken in der Zeit des Nationalsozialismus weiterging: Ausgrenzung, Enteignung, Verfolgung, Vertreibung und Ermordung. Häufig zwangen politischer Druck, Zwangssteuern, Ausreiseverbote und Vermögenssperren die Menschen zur Aufgabe ihrer Sammlungen. Bei der sogenannten „Verwertung“ der Kunstwerke spielten auch Kunsthändler, staatliche Akteure und internationale Käufer eine entscheidende Rolle. Die Kunstwerke wurden in alle Welt zerstreut, für Europa wird eine Zahl von 700.000 Werken geschätzt, genaue Zahlen gibt es nicht. Nach Ende des Krieges gaben die Alliierten aufgefundene Kunstgüter an die Herkunftsländer zurück – aber nicht an die Eigentümer. Die Geltendmachung von Ansprüchen der Überlebenden oder ihrer Nachfahren war und ist kompliziert, aufwändig, teuer und von vielen bürokratischen Hindernissen geprägt. Viele Sammler sind inzwischen längst vergessen, und es ist ein Verdienst dieser Ausstellung, zumindest exemplarisch ihr Leben und Wirken in das Gedächtnis der Öffentlichkeit zurückzuholen.
Diese wichtige Ausstellung kommt zum richtigen Zeitpunkt: Als Gegenpol und Kommentar zum weltweit zunehmenden Antisemitismus und der Ausgrenzung von Menschen durch rechte „Politik“. Initiiert hat sie der Deutschlandfunk-Journalist Stefan Koldehoff. Lange suchte er nach Partnern für dieses immense Projekt, schließlich wurde er bei Kathrin Baumstark und dem Bucerius Kunst Forum fündig. Zwar hatten viele angefragte Museen die Wichtigkeit dieses Projekts anerkannt, gleichzeitig aber auch Angst vor den Folgen: In vielen Museen befinden sich immer noch Bilder, deren Provenienz nicht ausreichend erforscht ist. Das Bucerius Kunst Forum als Haus ohne eigene Sammlung und daher ohne Altlasten entpuppte sich als idealer Ort.
Fast fünf Jahre dauerte die Vorbereitung dieser Ausstellung, einer der aufwändigsten für das Bucerius Kunst Forum bislang. Dazu ist ein umfangreicher Katalog erschienen, der auch die Hintergrundforschung manifestiert. Es gibt viele interessante Begleitveranstaltungen, thematisch verwandte Ausstellungen laufen zeitgleich im Altonaer Museum und im MARKK.
Bei aller Theorie und gesellschaftshistorischer Relevanz darf natürlich eines nicht vergessen werden: Hier geht es in gleichem Maße um die Kunst selbst, und es gibt viele wunderbare Kunstwerke zu sehen. Der Besuch lohnt in jeder Hinsicht.
„Von Monet bis Picasso“, bis 29. März 2027, Bucerius Kunst Forum, Alter Wall 12, 20457 Hamburg, täglich 11 – 19 Uhr, Do bis 21 Uhr. Weitere Informationen auf www.buceriuskunstforum.de