"For your Eyes only"
Miniaturen der Romantik
Nein, mit James Bond hat das
hier nichts zu tun, wenn es
auch viele charmante Damen
und Herren zu betrachten gibt. Erstmals
widmet sich die Hamburger
Kunsthalle umfassend der facettenreichen
Kunst der Miniaturmalerei in
Hamburg, von ihrer Blütezeit um 1800
bis zu den 1840er Jahren. Rund 200
Miniaturen werden im Harzenkabinett
in Vitrinen ausgestellt, ergänzt durch
einige Gemälde, Druckgrafiken und
Fotografien. Außerdem erfährt man
mehr über die Herstellung der kleinen
Kunstwerke.
Das Bedürfnis, ein Bild eines geliebten
Menschen bei sich zu tragen,
kennt wahrscheinlich jeder. Heutzutage
ist das kein Problem, Fotos – meist
elektronisch aufgenommen und auf
dem Smartphone immer dabei – sind
einfach und preisgünstig herzustellen.
In der Zeit vor der Erfindung der Fotografie
war das anders: Man musste
eine Porträt-Zeichnung oder ein Gemälde
anfertigen lassen. Ein aufwendiges
und teures Vergnügen, das Adel
und wohlhabendem Bürgertum vorbehalten
blieb. Aber damals wie heute
besteht das Verlangen, den vertrauten
Menschen anzusehen und sein Bild bei sich zu tragen, wenn er selbst
weit entfernt ist.
Die Kleinstbildnisse waren kostbare
Unikate. Ihr Format – meist
nur etwa 6 bis 10 cm – sowie die
kunstvolle Fertigung mit Aquarell und
Gouachefarben auf hauchdünnen Elfenbeinplättchen faszinieren
bis heute. Perfekt gemalt wirken die
Bilder fast immateriell. Die feine Stofflichkeit
des Elfenbeins erinnert an die
menschliche Haut, deshalb wurden die
Gesichtspartien transparent gearbeitet
und machten das Bild umso lebendiger.
Die in Rahmen, Broschen oder
Etuis gefassten Porträts zählten zu den
persönlichsten Bildnissen, die Menschen
von sich malen ließen. Die Miniaturisten
trafen sich dafür mit ihren
Auftraggebern mehrfach zu Sitzungen
und malten „nach der Natur“, oft auf
speziell dafür entwickelten Malpulten.
Eines ist in der Kunsthalle zu sehen.
Wie der Titel der Ausstellung schon
sagt, waren diese Bildnisse nur für ein
Augenpaar bestimmt, jenem des nahestehenden
Menschen. Die Miniatur
konnte ständig bei sich getragen und
angesehen werden und so die Verbindung
und die Erinnerung aufrechterhalten.
Auf einem Werk macht ein
Schriftzug das ganz deutlich: „An Dein
Herz gedrückt, gehört er nur Dir“. Vor
dem inneren Auge konnten Person
und Abbild miteinander verschmelzen.
Manchmal wurden die Bildnisse mit
kunstvoll arrangierten Haaren der oder
des Liebsten geschmückt, was den
Status der Intimität noch steigert: Nur
Vertraute dürfen das Haar eines Menschen
berühren. Genau wie das Haar
eines Menschen überdauert auch sein
Bildnis, und so wird nicht nur die Erinnerung
bewahrt, wie eine Miniaturmalerin
einst erklärte, sondern beinah
auch der Tod besiegt.
Porträtminiaturen waren um 1800
in Europa weit verbreitet. Auch in
Hamburg, das zu der Zeit einen
wirtschaftlichen Aufbruch erlebte,
der das künstlerische Schaffen in der
Hansestadt nachhaltig beeinflusste.
Erste private Kunstsammlungen entstanden,
der Kunstverein wurde 1817
gegründet, Ausstellungen und neue
Techniken wie die Lithografie trugen
dazu bei, dass sich Hamburg zu einem bedeutenden Kunstzentrum im Norden
entwickelte.
International bekannte europäische
Miniaturisten wie Giovanni Domenico
Bossi, Carl Friedrich Demiani und
Charles Hénard lebten und arbeiteten
einige Zeit in Hamburg. Auch die
Stadt selbst brachte herausragende
Künstlerinnen und Künstler hervor,
wie Leo Lehmann, Ernst August Abel
oder Ferdinand und Caroline Stelzner.
Besonders prägend waren Friedrich
Carl Gröger und Heinrich Jakob Aldenrath.
Mit der Erfindung der Fotografie
1839 wurde dann ein Medium populär,
das die Funktion der Bildnisminiatur
zunehmend übernahm und schließlich
vollständig ablöste. Durch die
Daguerreotypie konnten kleinformatige
Porträts realistischer und schneller
gefertigt werden. Die kostengünstige
Herstellung erschloss aber auch neue
Kundenkreise, Stelzner zum Beispiel
sattelte um und wurde Porträtfotograf.
Die Ausstellung im leicht abgedunkelten
Harzenkabinett berührt. Gern
würde man mehr über die dargestellten
Personen erfahren, die einen hier
so direkt anblicken wie einst das geliebte
Gegenüber. Meist jedoch gibt es
keine weiteren Informationen über sie.
Und so bleiben die Miniaturen letztendlich
so persönlich und privat, wie
sie einst gedacht waren.
„For your Eyes only – Miniaturen der Romantik“,
bis 7. Juni 2026, Hamburger Kunsthalle,
Glockengießerwall 5, 20095 Hamburg, Di – So
10 – 18 Uhr, Do bis 21 Uhr, Oster- und Pfingstmontag
geschlossen.
Weitere Informationen auf
www.hamburger-kunsthalle.de.