Die aktuellen Premieren der Hamburger Theater
Die Neuproduktionen im April:
ALTONAER THEATER
DER ALTE MANN UND DAS MEER
Man kann praktisch vernichtet werden,
aber man darf trotzdem nicht
aufgeben. Das ist die Quintessenz von
Ernest Hemingways Novelle „Der alte
Mann und das Meer“, die der Literaturnobelpreisträger
1951 auf Kuba
schrieb. Sie erzählt von einem Fischer,
der mit unbeugsamem Willen gegen
die Allmacht der Natur kämpft und
trotz seiner letztendlichen Niederlage
die Würde nicht verliert. Santiago hat
seit 84 Tagen keinen Fang gemacht
und ist verzweifelt. Aber noch einmal
fährt er hinaus
aufs Meer. Es gelingt
ihm tatsächlich,
einen riesigen
Marlin zu
fangen, der Fisch
jedoch wehrt sich
mit aller Kraft.
Zwei Tage und
zwei Nächte liefern
sich beide
einen unerbittlichen
Kampf.
Doch als der Marlin
endlich aufgibt,
folgen schon
die Haie dem Fischerboot…
Zweimal
wurde die
Novelle verfilmt,
1958
mit Spencer
Tracy, 1989 mit
Anthony Quinn.
Im Altonaer Theater
spielt Stefan
Hallmayer, mehrfacher
Gewinner des Monika-Bleibtreu-
Preises und bis 2025 Intendant
des Theaters Lindenhof Melchingen,
den „alten Mann“. Sein Sohn Luca
Zahn ist in dieser Koproduktion mit
dem Theater Lindenhof sowohl für die
Bearbeitung als auch die Inszenierung
verantwortlich.
THALIA THEATER
HARD TIMES
Harte Zeiten in einer Industriestadt
des Viktorianischen Zeitalters beschreibt
Charles Dickens in seinem
Roman, der 1854 erschien. In Coketown
schießen die Fabriken aus dem
Boden und die Schornsteine wachsen
in den Himmel. Maschinen beherrschen
das Leben.
Die Geschwister
Louisa und Tom werden von ihrem
Vater nach strengen Regeln erzogen,
Emotionen haben dabei keinen
Platz. Doch
bei Sissy, einem verlassenen
Zirkuskind, finden sie Menschlichkeit
und Fantasie und allmählich
fängt ihre scheinbar klare Ordnung
an
zu bröckeln. Gleiches gilt für die
Fabrikarbeiter: Sie begehren auf und
kämpfen gegen Unrecht und Ausbeutung.
In seinem Roman stellt Dickens
die Frage, warum die Gesellschaft ein
System akzeptiert, das Menschen nur
nach Leistung und Nutzen beurteilt.
Regisseur
Antú Romero Nunes, der
zuletzt 2020 am Thalia Theater das
Drama „Maria Stuart und Elisabeth“
als Zwei-Personen-Stück inszenierte, setzt „Hard Times“ in ein irrwitziges,
bedrohliches, aber auch anrührendes
Singspiel um. Das Projekt ist eine Koproduktion
mit den Ruhrfestspielen
Recklinghausen.
OHNSORG THEATER
DEUTSCHSTUNDE –
BILLER IN FLAMMEN
Der bekannteste Roman von Siegfried
Lenz ist „Deutschstunde“ aus dem Jahr
1968. Darin beschreibt der Schriftsteller
den Widerspruch zwischen geforderter
Pflichterfüllung und eigener
Verantwortung, ein zentrales Thema
bei der Verarbeitung der Zeit des National-sozialismus.
Ein Dorf in Schleswig-
Holstein 1943: Der linientreue Polizist
Jens Ole Jepsen wird beauftragt,
das Malverbot für den expressionistischen
Künstler Max Ludwig Nansen
durchzusetzen. Beide waren einst befreundet,
doch jetzt sieht Jepsen es als
seine Pflicht an, dem Befehl zu gehorchen.
Sein Sohn Siggi jedoch hält zu
dem Maler und will die Bilder retten.
Emil Nolde, dessen Werke in der Nazi-
Zeit als „entartete Kunst“ galten, diente
Siegfried Lenz als Vorbild für die Figur
von Nansen. In diesem Jahr wird der
100. Geburtstag des Autors groß gefeiert.
Das Ohnsorg Theater zeigt aus
diesem Anlass die Bühnenfassung des
Romans als plattdeutsche Erstaufführung.
DEUTSCHES SCHAUSPIELHAUS
HUNDEHERZ
Ein Moskauer Professor wagt ein
Experiment: Er will einen besseren
Menschen schaffen und pflanzt einem
Straßenköter die Hirnanhangdrüse
und Hoden eines Kleinkriminellen
ein. Tatsächlich entwickelt sich
der Hund zu einem Menschen, allerdings
mit all
den negativen Eigenschaften
des Organspenders: er säuft,
ist vulgär, aggressiv und dabei offen
für alle politischen Parolen und Machenschaften,
solange sie ihm dienlich
sind. Im Hause des Professors
wird er für alle immer unerträglicher.
Der Russe Michail Bulgakow schrieb
seine Novelle 1925 als Satire auf den
„neuen sowjetischen Menschen“, der
nach der Oktoberrevolution 1917 in
aller Munde war. Moralisch gefestigt,
kollektiv orientiert, arbeitsam sollte er
sein, die Ideale von Freiheit, Gleichheit,
Brüderlichkeit
feiernd – sozusagen
ein besserer Mensch. Damals wie
heute eine Unmöglichkeit. Das Werk
wurde nach Erscheinen sofort verboten
und erst 1987 veröffentlicht, 47
Jahre nach Bulgakows Tod. Die Idee
eines neuen Menschen durch Optimierung
des Körpers und des Geistes
hat sich allerdings trotz aller Negativerfahrungen
als zeitlos erwiesen, wie
heute wieder vielfach zu erleben ist.
Im Schau-spielhaus inszeniert Claudia
Bauer das „Hundeherz“. Die Regisseurin
hatte sich hier 2024 mit den
„Schattenpräsidentinnen“ zum ersten
Mal vorgestellt. Es spielen unter anderem
Sanda Gerling, Bettina Stucky
und Maximilian David Scheidt.
THE ENGLISH THEATRE
ALL NEW PEOPLE
Charly ist verzweifelt und zieht sich in
ein Strandhaus in New Jersey zurück,
um sich umzubringen. Doch unvermutet
erscheint dort
die Immobilienmaklerin
Emma, die ihn gerade noch
vor dem Selbstmord rettet und ihn zu
überreden versucht, sein Vorhaben aufzugeben. Unterstützung erhofft sie
sich von einem Feuerwehrmann, der
zum Drogendealer wurde. Und dann
taucht auch noch ein Escort-Girl auf.
Sie alle haben mit einem Lebensproblem
zu kämpfen. Gemeinsam jedoch
gibt es vielleicht eine Lösung. „All New
People“ ist das erste Stück des amerikanischen
Schauspielers und Regisseurs
Zack Braff, der Anfang der 2000er Jahre
mit der
TV-Serie „Scrubs“ populär
wurde. 2011 wurde es in New York uraufgeführt
und zog dann nach London,
wo Braff selbst auch die Hauptrolle
spielte. Im English Theatre inszeniert
jetzt Paul Glaser das Stück, welches
mit bissigem Humor, gleichzeitig aber
auch berührend, das Thema Einsamkeit
in der heutigen digitalisierten Welt
aufgreift.
STAATSOPER HAMBURG
FRAUENLIEBE UND -STERBEN
In der Beziehung zwischen Mann und
Frau gibt es viele Variationen. Drei musikalisch-
dramatische Beispiele bündelt
Staatsopern-Intendant und Regisseur
Tobias Kratzer als Panorama von
Sitte und Moral über die Jahre hinweg
unter dem Motto „Frauenliebe und
-sterben“. Béla Bartóks Oper „Herzog Blaubarts Burg“ (1918) zeigt, wie Judith
(Mezzosopranistin Annika Schlicht),
die von dem geheimnisvollen Blaubart
fasziniert ist, die Abgründe in seinem
früheren Leben erkennt und dennoch
dem Schicksal seiner ehemaligen Frauen
folgt. „Eine florentinische Tragödie“
(1917) von Alexander Zemlinsky
beginnt mit dem Seitensprung von
Bianca und dem Prinzen von Florenz.
Als ihr Mann, ein Tuchhändler, davon
erfährt, kommt es zum Streit und am
Ende zum tödlichen Duell. Der Liederzyklus
„Frauenliebe und -leben“ (1840)
von Robert Schumann, der für den Titel
dieses Abends Pate stand, erzählt
schließlich von einem bürgerlichen
Frauenschicksal, das für die damalige
Zeit bezeichnend war. Erste Liebe, Ehe,
Geburt eines Kindes, Tod – die Gefühle
dieser Frau kreisen nur um ihren
Mann, während er sich von ihr immer
mehr distanziert.
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