Die aktuellen Premieren der Privat- und Staatstheater

Fremde Sonne: Medea in Kolchis © Thomas Aurin
Fremde Sonne: Medea in Kolchis © Thomas Aurin

 

Die Neuproduktionen im September: 

 

DEUTSCHES SCHAUSPIELHAUS

FREMDE SONNE

Nach dem großen Erfolg ihrer fünfteiligen Antiken-Serie „Anthropolis“ wagt es Karin Beier noch einmal: Unter dem Sammeltitel „Fremde Sonne“ geht es diesmal um die Argonauten, die auszogen, um das Goldene Vlies und neue Welten zu erobern, und um Medea, die Fremde, die verraten wurde und sich grausam rächte. Roland Schimmelpfennig entwickelte aus der griechischen Mythologie sechs Stücke, die Schauspielhaus-Intendantin Karin Beier inszeniert. Die Besetzung ist hochkarätig: Neben Lina Beckmann als Medea sind u. a. Devid Striesow, Bjarne Mädel, Wolfram Koch und Michael Wittenborn dabei.

 


PROLOG / ZWISCHENSPIEL /DIE ARGONAUTEN 

Mit drei Teilen an einem Abend startet der Zyklus. Im „Prolog“ erzählt Schimmelpfennig, wie die Legende vom Goldenen Vlies entstand, dessen Besitzer Reichtum und ewiges Leben versprochen wird, und wie der verlorene Königssohn Jason die Stadt Iolkos vor dem Niedergang rettet. Das „Zwischenspiel“ führt zurück in die Kindheit von Jason, dessen Vater ermordet wurde und der einem Zentauren mit ungewöhnlichen Erziehungsmethoden anvertraut wurde.
Schließlich kann Jason sich befreien und bricht mit einer obskuren Mannschaft, den „Argonauten“, auf, um das Goldene Vlies zu erobern, was Autor Schimmelpfennig als imperialistischen Raubfeldzug zwischen Wahn und Wirklichkeit deutet.

 

MEDEA IN KOLCHIS 


In einer Art Therapiesitzung halten Jason, Medea, Aietes und der inzwischen getötete Absyrtos Rückschau: In Kolchis hat Königstochter Medea Jason zum Goldenen Vlies und zur Flucht vor ihrem Vater Aietes verholfen, wobei ihr Bruder Absyrtos zerstückelt wurde. Aus welchem Grund tat Medea das? War es Liebe oder Berechnung?

 


MEDEA IN KORINTH 


Dies ist der bekannteste Teil der Mythologie, in dem Schimmelpfennig Tragödien von Euripides und Grillparzer verarbeitet. Medea ist Jason auf der Flucht nach Korinth gefolgt und hat mit ihm inzwischen zwei Söhne. Doch Jason verstößt sie, um die Königstochter Kreusa zu heiraten und dadurch selbst endlich König zu werden. Medea sinnt auf grausame Rache, indem sie nicht nur Kreusa und deren Vater, sondern auch ihre Kinder tötet.
Der sechste Teil der Serie „Medea in Athen“ folgt im Februar 2028. 

 

 

THALIA THEATER

DEUTSCHES HAUS

Davon haben wir nichts gewusst. Das war die häufigste Rechtfertigung in den Nachkriegsjahren, wenn es um die Frage nach den Verbrechen der Nazis ging. Wie weit verbreitet durch alle deutschen Bevölkerungsschichten diese Einstellung ging und wie problematisch die beginnende Auseinandersetzung mit dem Holocaust war, davon erzählt Annette Hess in ihrem Roman „Deutsches Haus“. Die junge Dolmetscherin Eva soll 1963 im ersten Auschwitz-Prozess in Frankfurt die polnischen Zeugenaussagen übersetzen. Die Aussagen der Betroffenen und die Teilnahmslosigkeit der Angeklagten erschüttern sie. Im Laufe des Prozesses muss sie erfahren, dass auch ihre Eltern nicht unbeteiligt an den Gräueln waren. 2018 kam das Buch heraus. Regisseurin Jorinde Dröse bringt den Roman jetzt in ihrer Bearbeitung (zusammen mit Dramaturgin Johanna Vater) am Thalia Theater auf die Bühne.

 

THALIA THEATER

DER MENSCHENFEIND

Diese Komödie von Molière ist fast schon eine Tragödie. „Der Menschenfeind“ Alceste hasst Unehrlichkeit und Heuchelei und geht mit jedem seiner Mitmenschen scharf ins Gericht. Gleichzeitig jedoch liebt er Célimène, die genau die gesellschaftlichen Regeln perfekt beherrscht, die er konsequent ablehnt. Doch als er mit ihr dem oberflächlichen Treiben der Gesellschaft entfliehen will, lehnt sie ab. Enttäuscht bleibt er allein zurück. Das ansatzweise autobiografische Stück – Molière litt selbst unter den Eskapaden seiner 21 Jahre jüngeren Frau Armande – wurde 1666 mit Molière selbst in der Titelrolle uraufgeführt. Jette Steckels Inszenierung für das Thalia Theater, die im August bei den Salzburger Festspielen Premiere hatte, setzt das Spiel um fanatische Wahrheitsliebe und oberflächliche Eitelkeiten zeitgemäß in einer Mischung aus Musik, Film und Theater um.

 

ERNST DEUTSCH THEATER

GIRL ON AN ALTAR

Die irische Autorin Marina Carr greift auf die griechische Mythologie zurück, in der sich männlicher Machtmissbrauch und Frauenschicksal zu einer zeitlosen Tragödie vereinen. Der Titel „Girl on an Altar“ (Das Mädchen auf dem Altar) bezieht sich auf Iphigenie, die von ihrem Vater Agamemnon den Göttern geopfert wurde. Umsonst flehte ihn seine Frau Klytemnestra um das Leben ihrer Tochter an. Zehn Jahre später kehrt Agamemnon siegreich zurück – mit seiner Geliebten, der Prophetin Kassandra. Wieder missbraucht er als Herrscher seine Macht, um sich über Klytemnestra hinwegzusetzten, und logiert Kassandra in seinem Palast ein. Marina Carrs Szenen einer zerrütteten Ehe stellt das Leid der Frauen zwischen Trauer und Rache in den Mittelpunkt. 2022 wurde ihr hochgelobtes Drama in London uraufgeführt. Die deutschsprachige Erstaufführung inszeniert Elias Perrig im Ernst Deutsch Theater. 

 

ERNST DEUTSCH THEATER

CLOCKWORK ORANGE

Der Film „Clockwork Orange“ von Stanley Kubrick löste 1971 heftige Proteste wegen seiner brutalen Gewaltszenen aus, wurde später jedoch als Meisterwerk anerkannt. Die Botschaft des Romans von Anthony Burgess, der dem Film zugrunde liegt: Darf der Staat Gewalt bekämpfen, indem er den Menschen den freien Willen und die eigene moralische Entscheidung raubt? Alex ist der Anführer einer kriminellen und gewalttätigen Jugendbande. Durch Verrat kommt er vor Gericht, wird zu einer langjährigen Haftstrafe verurteilt und lässt sich auf eine Umerziehungsmaßnahme ein. Er wird gezwungen, grausamste Videos anzusehen, die von klassischer Musik begleitet werden. Er wird als geheilt entlassen. Doch nun leidet er an unvorstellbaren physischen Qualen und wird zum Opfer derer, die früher seine Opfer waren. Im Ernst Deutsch Theater inszeniert Franziska Autzen die Bühnenfassung des Romans. 

 

HAMBURGER KAMMERSPIELE

AUF WUNDER IST VERLASS

Albtraum für alle Kreuzfahrtreisenden: Ihr Schiff ist auf Grund gelaufen. Nicht so in den Kammerspielen. Da steckt die „Deutschland“ zwar auch fest, aber die Crew weiß, wie man die Gäste bei Laune hält, und präsentiert ein buntes Programm mit Musik von Romantik bis Rap und Literatur mit Biografien von Dichtern und Denkern. Kultur ist das gemeinsame Gut, das Deutschland zusammenhält und das das Schiff wieder in Fahrt bringen kann. Erinnerungen werden geweckt und die Hoffnung auf eine bessere Zukunft. „Auf Wunder ist Verlass“ – davon jedenfalls ist der Regisseur und Songwriter Mathias Schönsee überzeugt, der diesen musikalisch-literarischen Abend voller poetischer, nachdenklicher und humoriger Momente zusammengestellt hat.  

 

KOMÖDIE WINTERHUDE

MÄNNERBESCHAFFUNGSMASSNAHMEN

Der Stress im Job, die Einflüsse von Social Media und der Versuch ständiger Selbstoptimierung: Da gehen die wahren Gefühle leicht verloren. Vier Damen suchen deshalb nach einer neuen Methode, den richtigen Draht zum anderen Geschlecht wiederzufinden. Ein Workshop soll helfen. „Definiere deine weibliche Ausstrahlung durch die Kraft des Gesanges neu“ ist das Motto. Und schon schmettern sie unter der Leitung von Diplompsychologin Christine los. Da werden Emotionen geweckt – aber sind die auch als „Männerbeschaffungsmaßnahme“ geeignet? Der Komponist, Autor und Regisseur Dietmar Löffler schickt die Kursteilnehmerinnen auf eine ebenso komische wie berührende Reise durch die Irrungen moderner Beziehungen. Sein schräg-witziger Liederabend wurde schon 2008 in den Kammerspielen uraufgeführt. Das Revival unterstützt er zeitweilig auch selbst als Workshop-Pianist.

 

ALTONAER THEATER

STURMHÖHE

Der einzige Roman der britischen Schriftstellerin Emily Brontë erschien 1847 und wurde seit 1920 unzählige Male verfilmt, zuletzt erst in diesem Jahr. So aufwühlend, emotional und immer aktuell ist die Geschichte von Liebe, Besessenheit, Hass und Rache über die Generationen hinweg. „Sturmhöhe“ heißt das Anwesen von Gutsbesitzer Earnshaw, der einst ein Findelkind aus London mitbrachte und wie seinen Sohn aufzog. Seine Tochter Catherine und den jungen Heathcliff verbindet eine enge Freundschaft, doch sie entscheidet sich schließlich aus Standes- und Wohlstandsgründen, den reichen Edgar zu heiraten. Für Heathcliff eine bittere Demütigung, die er nach Jahren an Catherines Familie rächt. Im Altonaer Theater inszeniert Franz-Joseph Dieken den Klassiker der Weltliteratur. 

 

OHNSORG THEATER

FISCH FÖR VEER - EIN LETZTES MAHL

Makaber und urkomisch: Die Krimikomödie von Wolfgang Kohlhaase und Rita Zimmer serviert „Fisch för Veer“ vom Feinsten. Der treue Diener Rudolph betreut seit Jahrzehnten die Schwestern Clementine, Cäcilie und Charlotte. Jede hat ihm für seine separaten ganz persönlichen Dienste heimlich einen Teil ihrer Erbschaft versprochen. Als er nun darum bittet, weil er auf Weltreise gehen will, weisen ihn die Damen ab und sinnen auf tödliche Abhilfe. Der gewitzte Diener aber auch… Vier beliebte und bewährte Ohnsorg-Stars sorgen für einen delikaten Mordsspaß: Beate Kiupel, Birte Kretschmer, Meike Meiners und Oskar Ketelhut. 

 

THE ENGLISH THEATRE

THE PICTURE OF DORIAN GRAY

Der Wunsch nach ewiger Jugend und Schönheit ist ebenso zeitlos wie unerfüllbar. 1891 schuf Oscar Wilde mit seinem Roman „Das Bildnis des Dorian Gray“ ein klassisches Beispiel dafür. Der Roman galt im viktorianischen England als anrüchig. Der junge Dorian Gray steht einem Maler Modell. Sein Wunsch wird erfüllt: Sein Porträt wird altern, während er seine Jugend bewahrt. Er stürzt sich hemmungslos in ein Leben voller Laster und Verbrechen. Doch während sein Antlitz makellos schön und unschuldig bleibt, offenbart sein Bildnis grausam Dorians zunehmende Verkommenheit. Im English Theatre inszeniert Paul Glaser die Bühnenbearbeitung von Schauspieler und Autor John O’Connor und Merlin Holland, einem Enkel von Oscar Wilde.

 

STAATSOPER HAMBURG

MACBETH

„Diese Tragödie ist eine der größten menschlichen Schöpfungen“, schrieb Giuseppe Verdi über Shakespeares Drama „Macbeth“ und machte einen Opernthriller daraus, in dem er die Macht des Schicksals mit Gier, Herrschsucht und Liebe der Mächtigen verknüpft. Nach einer mystischen Prophezeiung und angestachelt von seiner Frau treibt der Ehrgeiz Macbeth zu seinem ersten Mord, der immer weitere Morde nach sich zieht. Gewissensbisse und psychische Zerrüttung der beiden sind die Folge. Die Staatsoper zeigt die zweite Fassung des hochdramatischen Werkes, das 1865 in Paris uraufgeführt wurde. Intendant Tobias Kratzer inszeniert, Kartal Karagedik singt den Macbeth alternierend mit Simon Keenlyside. Als Lady Macbeth ist die georgische Sopranistin Nino Machaidze zu Gast. 

 

ALLEE THEATER

DON PASQUALE

Im November kann das Allee Theater sein 30-jähriges Bestehen feiern. Den Auftakt der Jubiläumsspielzeit macht Gaetano Donizettis Opera Buffa „Don Pasquale“, eine Geschichte der Intrigen, Täuschungen und Liebe. Der geizige Junggeselle Don Pasquale will auf seine alten Tage noch einmal heiraten, aber nur eine fügsame, bescheidene Frau. Seinem Neffen Ernesto hingegen verbietet er die Heirat mit der hübschen Norina. Ernestos Freund Dr. Malatesta weiß Rat. Er verkuppelt Pasquale mit seiner tugendhaften Schwester. Die jedoch ist in Wirklichkeit Norina und entpuppt sich nach der Hochzeit als wahre Furie. Nur zu gern willigt der alte Galan in die Auflösung der Ehe ein und gibt dem jungen Paar seinen Segen. Donizettis Meisterwerk besticht durch Witz und schwungvolle spritzige Musik, aber auch durch melancholische Untertöne.

 

Karten für die Neuproduktionen finden Sie im Ticketshop