Das Alte wahren, das Neue wagen
Die Staatsoper, das Philharmonische Staatsorchester
und das Hamburg Ballett haben ihre Programme für die
neue Saison vorgestellt
HAMBURGISCHE STAATSOPER
Die Pressekonferenz, auf der die neue
Spielzeit von Staatsoper, Philharmonikern
und Ballett vorgestellt wurde,
fand an ungewöhnlichem Ort statt: In
der „Kuppel Hamburg“, der Zeltlandschaft
neben der Trabrennbahn Bahrenfeld,
wo unter anderem der "Winterzauber" veranstaltet wird.
Denn
es geht so langsam los mit der Sanierung
des Staatsoperngebäudes, von
Ende April bis September 2027 werden
die Hubpodien des Orchestergrabens
wieder einsatzfähig gemacht. In
dieser Zeit bleibt die Oper geschlossen.
Das tut der guten Laune des Führungsteams
aber überhaupt keinen
Abbruch, eher freut man sich auf das
Abenteuer, das ein neuer Spielort
bedeutet. Überhaupt zeichnen sich
Opernintendant TOBIAS KRATZER,
Generalmusikdirektor OMER MEIR
WELLBER und der Künstlerische Ballettdirektor
auf Zeit LLOYD RIGGINS
durch ihre große Lust am Neuen
aus – ohne Tradition und Bewährtes
aus dem Auge zu verlieren oder gar
zu verachten. Und so sieht auch der
Spielplan der neuen Saison aus: Experimente
und Unbekanntes mischen
sich harmonisch mit den altbekannten
Klassikern. Denn, und dass ist
Konsens bei den künstlerischen Leitern,
die Oper ist schließlich für alle
da und soll für jeden Geschmack etwas
bieten.
OPER
Für Intendant Tobias Kratzer ist es
ein klarer Fall: In Hamburg geht man
wieder in die Oper! Natürlich, wo
sonst bekommt man so viel geboten?
Eine Opernaufführung ist im allerbesten
Sinne des Wortes ein „Spektakel“,
etwas, das anzusehen und anzuhören
lohnt. Eine Oper ist immer ein Fest
für Auge, Ohr und natürlich auch für
den Geist. Wenn die Aufführung aufhört,
beginnt das eigene Nachdenken
über das Gesehene.
Eröffnet wird der Premierenreigen
mit MACBETH von Giuseppe Verdi
nach Shakespeares großartiger Tragödie,
in der Macbeth und
Lady Macbeth
dem Schicksal auf die Sprünge
helfen wollen – um jeden Preis. NINO
MACHAIDZE singt die Lady, die
Titelrolle teilen
sich KARTAL KARAGEDIK
und SIMON KEENLYSIDE. Es
folgt ein Doppelabend mit Igor Strawinskys
Ballett um den Clown PETRUSCHKA
und Maurice Ravels Oper
L’ENFANT ET LES SORTILÈGES. Ein
animiertes Bühnenbild führt in fantastische Abenteuerwelten und erforscht
gleichzeitig die Frage, was
Realität eigentlich ist.
Fantastisch geht es weiter, mit Engelbert
Humperdincks wenig bekannter
Oper DORNRÖSCHEN. Eine
Aufführung für die ganze Familie!
Besonderes Schmankerl: Nicole Heesters,
Grande Dame des Theaters, tritt
als älteres „Röschen“ auf. Man kann sich schon denken, dass es auch um
die Frage geht, warum ein Mädchen
überhaupt auf einen Prinzen warten
sollte. ELBENITA KAJTAZI und OLEKSIY
PALCHYKOV als Röschen und
Prinz werden das schon ausdiskutieren.
GUILLAUME TELL von Gioachino
Rossini ist zwangsläufig eine politische
Oper – Wilhelm Tell ist schließlich
DAS Sinnbild von Unterdrückung
und Widerstand. Leider ist das
ein sehr aktuelles Thema: Wie soll
man einen Angriff auf eine friedliche
Zivilisation abwehren, wie die
Freiheit retten? Es gastieren LISETTE
OROPESA und LAWRENCE BROWNLEE
und man darf gespannt sein auf
Tobias Kratzers Interpretation. EUGEN
ONEGIN von Peter Tschaikowsky
hat im Februar Premiere. Hier
dreht sich alles um die Sehnsucht,
die Figuren verzehren und verstricken
sich. Und manchmal scheint der
Traum die bessere Realität zu sein,
bloß nicht erwachen…
Die letzte Premiere findet dann
schon in der „Kuppel“ statt. In der Piratenoper
STÖRTEBEKER macht sich
eine Gruppe von Teenagern auf den
Weg, um sich den Krisen der Gegenwart
entgegen zu stellen. Ihr großes
Vorbild: Klaus Störtebeker, Rächer
der Unterdrückten. Das Libretto dieser
Auftragskomposition von Gordon Kampe basiert auf einer verschollenen
Barockoper von Reinhard Kaiser.
Das Repertoire bietet ebenfalls so einiges,
unter anderem DIE WALKÜRE,
UN BALLO IN MASCHERA, CARMEN
und DIE ENTFÜHRUNG AUS DEM
SERAIL.
PHILHARMONIKER HAMBURG
Omer Meir Wellber wäre nicht Omer
Meir Wellber, wenn er nicht wieder ein
paar Experimente in der Tasche hätte.
Aber, so sagt er, keine Sorge, es
handelt sich nicht um wissenschaftliche
Experimente im Labor, eher wie
im Kindergarten, also viel lockerer…
Worum geht es also genau?
Überschrieben ist die 199. (!)
Saison der Philharmoniker mit
„ZeitenLos – Musik jenseits der Zeit“
und Meir Wellber fragt, was wäre,
wenn Zeit keine Rolle mehr spielte.
Im Beethovenjahr 2027 rücken die
Werke dieses genialen Komponisten
anlässlich seines 200. Todestages in
den Fokus, in einigen der Konzerte in
Form des oben bereits erwähnten
Experiments: Sätze verschiedener
Beethovensinfonien werden neu
kombiniert. So sollen die Grenzen der
Zeit aufgehoben und Beethoven neu
gehört werden: als Kraft, als Energie,
als musikalisches Universum.
Dazu erklingen in den zehn
Philharmonischen Konzerten Werke
von TSCHAIKOWSKY, DVOŘÁK,
STRAUSS, PROKOFJEW, SCHOSTAKOWITSCH,
MAHLER, GLASS,
SCHUBERT und anderen. Freuen
können wir uns auf Solisten wie FAZIL
SAY, TRULS MØRK, CHRISTIAN
TETZLAFF, MIDORI und IVETA
APKALNA.
Auch in der neuen Saison wird es
„Die Blaue Woche“ geben, in der
Omer Meir Wellber und Musikerinnen
und Musiker außergewöhnliche Werke
in ungewöhnlichen Räumen erkunden
und ganz spezielle Konzerterlebnisse
schaffen. Und in den sechs Kammerkonzerten, die so wunderbare und
geradezu intime Konzerterlebnisse
bieten, wird ebenfalls ein Schwerpunkt
auf Beethoven liegen. Hier soll wichtigen
Themen aus Beethovens Leben
nachgespürt werden, Einsamkeit,
Revolution, Freiheit und andere mehr.
In Kombination mit Werken weiterer
Komponisten entsteht auch in den
Kammerkonzerten eine vielschichtige
Auseinandersetzung mit dem
„Meister“.
HAMBURG BALLETT
Für eine weitere Saison wird Lloyd
Riggins, ehemals Erster Solist des
Hamburg Ballett, übergangsweise als
Künstlerischer Direktor das Ballett
leiten, gemeinsam mit Nicolas
Hartmann als Geschäftsführendem
Betriebsdirektor. Und man muss
sagen, die beiden machen ihre Sache
sehr gut, ganz im Sinne des Spielzeitmottos,
sie pflegen das „alte“
Repertoire und setzen dazu behutsam
auf Neuerung, um das künstlerische
und tänzerische Spektrum zu
erweitern.
Zwei Premieren sind geplant. Im
Dezember startet NEUE WELTEN, ein
Ballettabend, der sich aus zwei
Kreationen zusammensetzt. Zum
einen wird die europäische Uraufführung
von Justin Pecks COPLAND
DANCE EPISODES zu sehen sein,
einem großangelegten Stück für 30
Tänzerinnen und Tänzer nach
Musiken des amerikanischen
Komponisten Aaron Copland. Justin
Peck, Hauschoreograf des New York City Ballet hat hier in Hamburg schon mit „The Times are Racing“
das Publikum begeistert. Der zweite
Teil des Abends ist einer Uraufführung
gewidmet: Edvin Revazov,
langjähriger Erster Solist des Hamburg
Ballett und Leiter des Hamburger
Kammerballetts, entwickelt im
Auftrag von Lloyd Riggins eine Neukreation.
Mit der Uraufführung von MITTSU
soll nicht weniger als eine neue
choreografische Tradition begründet
werden. Der Titel – japanisch für die
Zahl drei – steht für die Zusammenarbeit
von drei Generationen von
Choreografinnen, die gemeinsam ein
abendfüllendes Werk schaffen. In der
ersten Ausgabe dieses neuen Formats
kreieren Neshama Nashman, Solistin
beim Ballett am Rhein, sowie die
ehemaligen Hamburger Tänzerinnen
Yuka Oishi und Kristina Paulin ein
abendfüllendes Programm, das von
der Schriftstellerin Virginia Woolf
und ihren künstlerischen Zeitgenossen
inspiriert wird.
Im Repertoire können wir uns
unter anderem freuen auf: TOD IN
VENEDIG, DIE KAMELIENDAME, DIE
MÖWE, DER NUSSKNACKER, ROMANTIC
EVOLUTION/S und FAST
FORWARD
Da nicht alle Bühnen vor Redaktionsschluss ihre
Programme bekannt gegeben haben, erhebt unsere
Vorschau keinen Anspruch auf Vollständigkeit.