53 Sonntage
In der Komödie Winterhuder Fährhaus: Tessa Mittelstaedt
als psychisch gestresste Schwester zwischen zwei Brüdern
in einer Komödie mit ernstem Hintergrund
Das Thema greift ein Problem
auf, das jeden betreffen kann:
Drei Geschwister stehen vor
der Frage, wie es mit ihrem alten Vater
weitergehen soll, der an Demenz leidet
und sich nicht mehr selbst versorgen
kann. Soll ihn einer der Drei bei sich
zu Hause aufnehmen oder sollen sie
ihn ins Pflegeheim schicken? Bei dem
spanischen Autor Cesc Gay wird daraus
eine Komödie, die beim Publikum
durchaus nachdenkliche Gefühle hinterlässt.
In der Komödie Winterhuder
Fährhaus inszeniert Marion Kracht die
deutsche Erstaufführung des Stücks
„53 Sonntage“. Tessa Mittelstaedt
spielt darin eine psychisch gestresste Schwester zwischen zwei Brüdern.
Katja versucht, ihre Brüder zu einer
Entscheidung zu bringen und vereinbart
ein gemeinsames Treffen. Doch
jeder hat
seine eigenen Probleme; der
eine ist Schauspieler, kriegt aber nur
noch eine Rolle als Tomate, der andere
hat nur seine
Geschäfte im Kopf.
Katja selbst kämpft darum, ihr eigenes
Leben in den Griff zu bekommen.
Zwischen ihnen entbrennt
schnell ein schonungslos komischer Eifersuchtsstreit,
wer vom Vater wohl am meisten
geliebt wurde. „Katja möchte
vermitteln
und beschwichtigen“, erklärt Tessa
Mittelstaedt. „Sie ist der klassische
Frauentyp, der sich sehr zurück nimmt
und darunter leidet. Als ‚Sandwichkind‘
zwischen zwei Brüdern und mit
der Pflege des Vaters alleingelassen,
begreift sie
nun zum ersten Mal, dass
sie an einem Wendepunkt steht, dass
sie etwas ändern muss, um nicht
selbst kaputt zu gehen.“
Als Farce mit komödiantischen Elementen
bezeichnet die Schauspielerin
das Stück und meint: „Es ist wichtig,
die
Charaktere und ihre jeweilige Not
sehr ernst zu nehmen. Denn gerade
dadurch entsteht eine gewisse Komik.
Mit den Geschwisterrivalitäten, den
Eitelkeiten, den Verletzungen kann
man sich gut identifizieren.“ Damit
kennt sie sich aus –
als Mutter von
zwei Kindern. „Ich stehe manchmal
hilflos davor, wenn sie eifersüchtig um
Mamas Aufmerksamkeit buhlen,
und
aus dieser Spirale nicht mehr herauskommen.
Sie sind dann so in Rage, dass sie mich vollkommen ignorieren.
Da
kann ich sie nur noch in den Arm
nehmen und sagen: Ich liebe euch
beide.“
Als Franziska, Assistentin der Kölner
„Tatort“-Kommissare, war Tessa Mittelstaedt
Anfang 2000 bekannt geworden.
13 Jahre lang blieb sie der Rolle
treu – und wird heute noch darauf
angesprochen. „Solche Rollen haben
immer zwei Seiten
der Medaille. Dass
diese Figur eine so große Fangemeinde
hat und dass sie in den Herzen der
Zuschauer auch nach ihrem Abschied
noch eine Sehnsucht hervorrief, macht
mich stolz und glücklich. Denn darum
geht es ja: Als Schauspieler sind wir
Geschichtenerzähler und wollen Menschen
zeigen, die haften bleiben. Aber
nach 13 Jahren war es genug. Was ich
mir
wünsche, wäre eine neue Figur in
einer eigenen Reihe, die die Franziska
ersetzt.“ Mit der Franzi sei es ein bisschen
so, wie
mit Romy Schneider, die
die Sissi nie wieder losgeworden ist.
Nach ihrem dramatischen Abschied
vom „Tatort“ (sie wurde
brutal ermordet)
und einer längeren Familien-Pause
ist Tessa Mittelstaedt nun vielseitig
mit Fernsehen, Theater, Hörbüchern
oder Lesungen beschäftigt. „Wenn
alles so im Fluss ist, dann schärft das
meine Sinne als Schauspielerin. Das
finde ich
spannend.“
In der Komödie Winterhude steht
die Künstlerin, die in Ulm geboren
wurde, in Hamburg aufgewachsen
ist und in Berlin lebt,
zum ersten Mal
auf der Bühne. Theater – das weiß sie
aus Erfahrung – braucht eine andere
Kraft als Filmaufnahmen, ein anderes
Durchhaltevermögen. Komödien
findet sie dabei noch schwieriger als
Dramen. „Wir spielen ja ein Drama,
müssen
darin aber extrem leicht sein.
Das ist eine ganz eigene Kunst.“ Das
Stück selbst sei dabei ausschlaggebend.
„Wenn das Stück
stabil ist, dann
haben wir die Möglichkeit, jede Welle
damit zu reiten.“ In Spanien ist der
Autor Cesc Gay längst beliebt und
bekannt
für seine unterhaltsamen Theaterstücke,
die das Bürgertum humorig-kritisch
unter die Lupe nehmen. Wie
die „53
Sonntage“. Tessa Mittelstaedt:
„ Es ist sehr gut geschrieben, in einer
Art Wellenform, bis es am Ende explodiert.“
Eben eine
gelungene Komödie
mit nachhaltig ernstem Hintergrund.
Brigitte Ehrich
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