Wasserträgerinnen am Fluss, 1906 © MARKK-Paul Schimweg
Wasserträgerinnen am Fluss, 1906 © MARKK-Paul Schimweg

 

Bilderechos aus Peru

Historische Fotografien von Hans Heinrich Brüning

Triennale der Photographie

 

Wem gehören historische Bilder – und wer bestimmt, was sie erzählen? Dieser Frage geht die Ausstellung „Bilderechos aus Peru“ im Museum am Rothenbaum (MARKK) nach. Im Zentrum stehen die historischen Fotografien des deutschen Amateurforschers Hans Heinrich Brüning (1848–1928). Im Rahmen der 9. Triennale der Photographie Hamburg 2026 zeigt das MARKK nicht nur die historischen Fotos, sondern auch, wie Künstler und Gemeinschaften in Nordperu ursprünglich kolonial geprägte Dokumente in eine Quelle für kulturelle Selbstbestimmung verwandeln. Die Mehrheit von Brünings Fotografien und Teile seiner weiteren Sammlungen befinden sich im MARKK, der Großteil der archäologischen Stücke bildet aber den Grundstock des Archäologischen Nationalmuseums Brüning vor Ort in Lambayeque.
 

 

Der norddeutsche Ingenieur und Laienforscher Hans Heinrich Brüning kam 1875 als Schiffsingenieur nach Peru – und blieb. Er lebte 50 Jahre in der Region Lambayeque in Nordwest-Peru und dokumentierte als einer der Ersten die Kulturgeschichte und das Alltagsleben vor Ort. Seine umfangreichen Sammlungen von Fotografien, Musikaufnahmen, archäologischen und ethnographischen Objekten sowie Feldnotizen bilden den Ausgangspunkt der Ausstellung, ergänzt durch zeitgenössische künstlerische Kommentare.
 

 

Brünings Fotografien decken ein breites thematisches Spektrum ab, sie zeugen von Offenheit und Vertrautheit. Sie sind aber zugleich auch von gesellschaftlichem Machtgefälle und kolonialen Stereotypen geprägt, als weißer, europäischer Ingenieur nahm er eine privilegierte Stellung innerhalb der peruanischen Gesellschaft ein. Doch die Porträtierten blicken zurück – mit Skepsis, Neugier, aber auch Stolz und Selbstbewusstsein. Manchmal sind Fragen von Macht und (vermeintlicher) Ohnmacht eben nicht ganz so einfach und eindeutig zu klären.

 

Zeitgenössische Künstlerinnen und Künstler aus Nordperu greifen dieses Spannungsfeld  auf: Die eigens für die Ausstellung geschaffenen Fotokeramiken von Enzo Miguel Matute treten in einen Dialog mit vorkolonialen Porträtgefäßen. Gleichzeitig kommentieren seine „archäologischen Fiktionen“ aus Keramik ironisch die Geschichte archäologischer Grabungen und Plünderungen in Peru. Auch Marystela Camachos gestickte und aquarellierte Bearbeitungen der  Fotomotive von Brüning regen zu einer poetischen Neuinterpretation der Fotografien an.

 

Zwischen 1910 und 1925 zeichnete Brüning außerdem Worte und musikalische Darbietungen der aussterbenden Muchik-Sprache auf Wachszylinder auf. Diese Aufnahmen inspirieren bis heute Musikerinnen und Musiker vor Ort. Seit den 1980er Jahren entdecken unterschiedliche Akteure in Nordperu Brünings Archiv ganz neu für sich.  Nachdem seine Fotografien im MARKK (damals noch „Museum für Völkerkunde Hamburg“) wiederentdeckt und in Peru zugänglich gemacht wurden, gaben sie Impulse zur Wiederbelebung der lokalen Muchik-Kultur, die auch heute noch wirksam sind.

 

Brünings Aufnahmen sind inzwischen viel mehr als nur historische Dokumente – sie sind Teil einer wiedererstarkten lokalen Identität und lebendige Archive. Künstler, Forschende und örtliche Gemeinschaften setzen sich kreativ mit der Zwiespältigkeit des Materials und der lokalen Vergangenheit auseinander, und verbinden diese mit aktuellen Fragen zu Identität und Erinnerungskultur. Brünings Bilder zirkulieren längst in den digitalen sozialen Netzwerken: koloriert, kommentiert und angeeignet schaffen sie so neue Möglichkeiten, die eigene Kultur zu „dekolonialisieren“, die weit über das hinausreichen, was ein Museum bieten kann.

 

„Bilderechos aus Peru“, 6. Juni 2026 bis 27. Juni 2027, MARKK – Museum am Rothenbaum, Rothenbaumchaussee 64, 20148 Hamburg, Di – So 10 – 18 Uhr, Do bis 21 Uhr. Abweichende Öffnungszeiten an Feiertagen möglich. Weitere Informationen auf www.markk-hamburg.de.