Elle Woods weiß, was sie will! © Stage School Hamburg
Elle Woods weiß, was sie will! © Stage School Hamburg

Natürlich blond

Frauenpower im First Stage Theater: Regisseurin Franziska Kuropka
 und Choreografin Nicole Eckenigk bringen das Musical nach dem Roman von 
Amanda Brown als Plädoyer für Selbstvertrauen und gegen Vorurteile auf die Bühne.

 

Sie ist jung, sie ist hübsch und blond. Außerdem hat sie eine Vorliebe für Pink. Was braucht es mehr, um die Dummchen-Vorurteile wuchern zu lassen? Und was zählt es da schon, dass sie einen Studienabschluss mit der Note 1,0 hat? In der Modebranche – naja. Wie Elle Woods sich aus dieser toxischen, meist männlichen Perspektive befreit, wie sie mit Selbstvertrauen auf ihre eigenen Fähigkeiten baut, das zeigte Reese Witherspoon 2001 zuerst mit riesigem Erfolg im Film nach dem Roman von Amanda Brown. Sechs Jahre später wurde ein Musical daraus. Jetzt kommt „Natürlich Blond“ ins First Stage Theater.
   

 

Zu diesem Theater haben die Regisseurin und die Choreografin der Produktion eine besondere Beziehung: Franziska Kuropka inszenierte hier im vergangenen Jahr das Musical „Kein Pardon“. Es war die erste Regiearbeit der Schauspielerin und Autorin, ein Debüt, das zusammen mit dem ganzen Team mit dem renommierten Deutschen Musical Theater Preis in der Kategorie „Bestes Revival“ ausgezeichnet wurde. Und Nicole Eckenigk kehrt an die Stätte zurück, an der sie ihre Karriere begann. 2012 machte sie als Musical-Darstellerin ihren Abschluss an der Stage School, von deren diesjährigen Absolventen sie jetzt choreografische Bestleistungen fordert. Wobei sie eine große Empathie für ihre jungen Darsteller empfindet, deren Aufregung und Ängste beim ersten professionellen Engagement sie aus eigener Erfahrung gut nachempfinden kann. Was das Mitgefühl betrifft, da sind sich Regisseurin und Choreografin ohnehin einig. Bei ihnen sollen sich die Darsteller wohl fühlen und ein gutes Gefühl haben. Dann kann man auch das Beste aus ihnen herausholen.
 

 


„Es war im letzten Jahr so viel Freude, mit diesen jungen Leuten zu arbeiten“, sagt Franziska Kuropka. „Das Allerschönste für mich war es, zu sehen, wie sie ganz aufgeregt und schüchtern in die erste Probe kamen, und ihnen dann Mut zu machen, sich auszuprobieren. Es ist o. k., wenn mal was nicht funktioniert. Hauptsache, du schmeißt dich rein und gibst deine Persönlichkeit, denn niemand anderes hat das, was du hast. Ich möchte einen Ort schaffen, an dem sich alle trauen und keine Angst vor Fehlern haben. Fehler sind wichtig, denn daraus kann immer etwas Besseres werden.“ Das ist ihre Regie-Devise. Und noch ein Satz ist ihr wichtig, nicht nur bei der Arbeit, sondern auch im Leben: Du kannst alles schaffen, wenn du an dich glaubst. Diese Botschaft vermittelt auch das Musical.
   

 


Elle Woods ist charmant und klug. Ihr Freund Warner jedoch verlässt sie, um in Harvard zu studieren, was er ihr nie zutrauen würde. Von wegen! Sie macht sich ebenfalls auf nach Harvard – zum Jurastudium. Sie kämpft sich durch – gegen Paragrafen, Skeptiker und einen fiesen Professor und bleibt dabei doch ganz sie selbst. „Die Problematik des Stückes ist durchaus akut“, meint die Regisseurin. „Es gibt immer noch Männer, die Machtpositionen ausnutzen. Deshalb ist es für Elle auch ein besonders schönes Gefühl, dass sie selbst etwas erreicht hat und nicht durch die Hilfe eines Mannes.“ Nicole Eckenigk setzt noch eins oben drauf: „Eigentlich könnte man die Geschichte auch ohne Männer erzählen. Denn es ist ein Stück über Frauen, wie sie sich durchschlagen und weiterentwickeln.“
   

 


Schon während ihrer Ausbildung fand sie das Musical toll. In einem Ausschnitt von „Natürlich Blond“ durfte sie damals die Elle Woods spielen. Die Rolle hätte sie auch später gern bekommen. „Aber dann kam das Musical in meiner Karriere nicht mehr vor“, erklärt sie. Dafür spielte sie andere große Rollen, z. B. in „Saturday Night Fever“, in „La Cage aux Folles“ oder die Lale Andersen in „Lilli Marleen“.

 

Seit 2019 macht sie nun auch eigene Choreografien.
  
Nach einigen Choreografie-Assistenzen, in denen sie für sich auch eigene Ideen entwickelte, ohne sie umsetzen zu können, war es dann die logische Konsequenz: „Ich wollte nicht mehr hinterfragen, ob ich es kann, ich wollte es ausprobieren. Mir ist es wichtig, die Verantwortung zu übernehmen, mit zu entscheiden, nicht nur wie es aussieht, sondern auch wie es erarbeitet wird, wie man miteinander umgeht.“
   

 

Tanz als große Show im Musical ohne eine inhaltliche Berechtigung ist nicht ihr Ding. „Ich versuche, dass mit dem Tanz auch immer etwas erzählt wird, nicht dass man sich fragt, warum tanzt die Person überhaupt? In ‚Natürlich Blond‘ erklärt es sich durch die Lebensfreude der Hauptfigur, die immer etwas Positives hat. Sie behält dadurch eine Leichtigkeit, auch wenn sie total im Schlamassel steckt.“ Stilistisch erstreckt sich der Tanz bei Nicole Eckenigk vom modernen Musical bis zu Cheerleader-Formationen, Akrobatik, Jazz und sogar Seilspringen. Eine besondere Herausforderung für Elle, die dabei auch noch singen muss.
   

 

Das ist ganz im Sinne der Regisseurin. Für Franziska Kuropka ist es wichtig, dass Sprechen und Singen zusammen gehen mit dem Spielen. „Ich mag es, wenn die Menschen sprechen und sich bewegen, wenn sie die Szene quasi mit dem Dialog verlassen. Das ist authentisch, dann funktioniert das für mich. Das gibt einen schönen Zug in die Inszenierung.“ Natürlich weiß sie, wie schwierig das manchmal ist. „Aber das haben die rund 30 Mitspieler ja drei Jahre lang gelernt. Das verlange ich jetzt auch ab.“
   

 


Dabei soll es jedoch vor allem unterhaltsam bleiben. Auch wenn es um ernste Themen geht. „Es gibt immer Vorurteile. Die müssen wir ausräumen oder zumindest ein bisschen enthebeln“, meint sie. Ich versuche zu zeigen, dass das Mädchenhafte, das Klischee von blond und dumm, das Elle klein machen soll, am Ende nicht mehr funktioniert. Sie verrät sich ja nicht, sondern kommt zurück, so wie sie ist. Es war ja nur die Außenwelt, die gesagt hat, du kannst dich nicht durchsetzen. Aber das war nicht sie selbst. Am Ende weiß sie, sie muss sich nicht verkleiden, sie muss in sich etwas haben, damit die anderen sie ernst nehmen.“
   

 


Für sich selbst nimmt die Regisseurin selbstironisch ein anderes Vorurteil in Anspruch: „Ich bin nicht blond. Ich trage Brille. Da heißt es eher: Die muss klüger sein.“ Dass Frauen weniger zugetraut wird als Männern, das Problem kennt sie jedoch auch und das wird auch von ihrer – blonden – Choreografie-Kollegin bestätigt. „Ich sehe mich durchaus mit der Realität konfrontiert, dass man sich als junge Frau mehr beweisen muss als Männer, und dass bei Frauen die Kompetenzen noch einmal geprüft werden, wo bei Männern einfach vorausgesetzt wird: Die können das schon.“ Besonders in der Musical-Branche findet sie allein schon die Ausgangslage unfair. „Es gibt viel mehr Frauen auf dem Markt, aber in vielen Stücken mehr Rollen für Männer. Im Kreativen ist das auch so. Ich habe im Laufe meiner Karriere mehr mit Männern zusammengearbeitet als mit Frauen. Deshalb freue ich mich auch so über die Arbeit mit Franziska, dass wir ein Stück, in dem es um Frauen geht, als Frauen zusammen entwickeln können. Das finde ich cool.“
   

 

Beide haben ohnehin Einiges gemeinsam. Beide stammen aus dem Osten – Nicole aus Magdeburg, Franziska aus Greifswald; beide haben als Schauspielerinnen angefangen und sind es noch immer; beide haben die Chance wahrgenommen, auf ihrem Gebiet zu dem zu wechseln, was sie am meisten lieben. Und bei beiden geht es damit im Anschluss an die Hamburger Produktion gleich weiter. Nicole Eckenigk choreografiert das Roland-Kaiser-Musical „Santa Maria“, das schon im Juni in Dresden Premiere hat und anschließend auf Tournee geht.
   

 

Franziska Kuropka bereitet zusammen mit Lukas Nimscheck für das Berliner Theater des Westens das Musical „Salon Rosie“ vor. Beide führen die Regie und schreiben den Text, wie auch schon im vergangenen Jahr bei dem Musical „Wir sind am Leben“ über Berlin nach dem Mauerfall, inhaltlich der Nachfolger vom „Salon Rosie“. Das Schreiben von Theater- und Songtexten, für das sie auch schon preisgekrönt wurde, ist neben der Regie Franziskas zweite Leidenschaft. Was sie lieber macht, will sie nicht entscheiden. Das passt zu ihrem Lebensmotto: „Lass dir nicht einreden, was für dich richtig ist. Nur du weißt, was richtig ist.“ Und das wiederum passt zum Musical „Natürlich Blond“.   

 

Interview: Brigitte Ehrich

 

Karten für das Konzert finden Sie im Ticketshop