Buch-Tipp: Martha Argerich erzählt

„Martha Argerich raconte“, so lautet der eigentlich viel besser passende Originaltitel des Buches „Fingerübungen“ von Martha Argerich. Es ist keine klassische Biografie, aber mit Sicherheit eine schöne Ergänzung zu allem, was man so weiß oder zu wissen meint über diese Ausnahmekünstlerin. Passend zu ihrem halbrunden Geburtstag am 5. Juni dieses Jahres erscheint nun endlich die deutsche Übersetzung des bereits 2021 in Frankreich herausgekommenen Buches. Martha Argerich wird übrigens 85, was man keine Sekunde glauben mag, wenn man dieser aktiven und völlig unprätentiösen Person im Gespräch begegnet oder sie auf der Bühne erlebt.

 

Im ersten Teil des Buches sind ihre Interviews mit dem französischen Journalisten Olivier Bellamy aus den Jahren 2004 bis 2019 zu lesen, es geht ein wenig hin und her, Themen sind natürlich ihre Karriere, ihre Kindheit und vieles andere mehr. Manchmal wünschte man sich, dass Bellamy an bestimmten Stellen nachhaken würde, aber schließlich gibt man sich dem Fluss des Gesprächs und von Martha Argerichs Leben hin und wandelt mit ihr durch Gegenwart und Vergangenheit. Die Musikwelt, die sie aus erster Hand kennt, kommentiert sie durchaus kritisch. Zum Beispiel so: „Abgesehen davon bin ich immer wieder überrascht von dem Erfolg einiger, meiner Meinung nach weniger interessanten Pianisten und von der hohen Anzahl derer, die trotz ihres Talents nicht genug Konzerte haben, um davon leben zu können. Das war immer schon so, aber ich habe das Gefühl, das Phänomen verschärft sich weiter.“
 

 

Den zweiten Teil übernimmt Martha Argerich allein und erzählt in kurzen Kapiteln über ihr langes und abwechslungsreiches Leben, ihre Familie, ihre Ansichten und ihre soziale Einstellung. Das Ganze ist gespickt mit Bonmots wie: „Ich hatte nie Selbstvertrauen.“ Oder: „Die wichtigen Dinge sind nicht passiert, weil ich es so wollte. Kinderkriegen zum Beispiel. Ich habe nie was geplant, nichts, jemals.“
 

 

Man liest und liest und irgendwann wird einem klar, dass die sich hartnäckig haltenden Vorurteile über diese Künstlerin, sie sei eine Diva, kapriziös, unzuverlässig, nicht stimmen. Stattdessen ist Martha Argerich eine hart arbeitende Frau und engagierte, hochtalentierte Pianistin, eigen sicherlich, aber ein zugewandter Mensch mit weit verzweigter Familie, einem sozialen Gewissen und einem großen Herzen. Sie selbst beschreibt sich so: „Jemand meinte mal zu mir, das Publikum liebe zwei Arten von Künstlern: die, die sie bewundern, und die, denen sie sich nahe fühlen. Erstere seien wie brennendes Eis, aber letztere wirkten wie ein schönes warmes Bad. Ich wäre gerne ein bisschen von beidem.“ 

 



Martha Argerich: „Fingerübungen“. Im Gespräch mit Olivier Bellamy. Kampa Verlag, 288 Seiten, € 22,00. Erhältlich im Buchhandel.



 

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