Frank Raffles
Fotografie und Aktivismus
Franki Raffles (1955 bis 1994) war eine englische Fotografin, die in ihren sozialdokumentarischen Arbeiten die Lebensrealitäten von Frauen in den 1970er und 1980er Jahren in den Vordergrund stellte. Ihre Fotografien setzen sich mit ihrem Arbeitsalltag vor allem in Schottland und in Teilen der früheren Sowjetunion, aber auch in China, Simbabwe, in der Karibik sowie in Israel und Palästina auseinander. Mit ihren über 40.000 Aufnahmen, die bis zu ihrem frühen Tod entstanden sind, wollte Raffles als Aktivistin mit Kamera ihre Beobachtungen von sozialen und geschlechtsspezifischen Ungleichheiten mit nicht weniger als einem Aufruf nach weltweiter Solidarität verbinden. Die Ausstellung im Museum der Arbeit macht nun mit einem Einblick in das Werk von Franki Raffles auf die bis heute – trotz aller Veränderungen und Entwicklungen der letzten Jahrzehnte – aktuell gebliebenen Fragestellungen dieser feministischen Fotografin aufmerksam.
Ihre Arbeiten entstanden zu einer Zeit, in der politische Aktivistinnen und Aktivisten zunehmend erkannten, wie wirkungsvoll das Visuelle die öffentlichen Diskussionen beeinflussen konnte. Zugleich reflektierten sie aber auch kritisch, wie Fotografie die dargestellten Personen zu Objekten degradieren und den Status quo festigen konnte: Was dokumentarisch festgehalten wurde, ist eben so, und bleibt auch so. Raffles‘ Umgang mit diesem Spannungsfeld führte zu ihrer Neubestimmung der Fotografie als aktiver Bestandteil kollektiver Kämpfe. Über ihre gesamte Karriere hinweg stellte sie die Erfahrungen von Frauen mit Erwerbsarbeit, Sorge-Arbeit, Behinderung und Gewalt in den Vordergrund. Sie widerstand dabei voyeuristischen Darstellungen, vereinfachte nicht, und vernachlässigte nie ihren ethischen Anspruch auf Würde.
Oft nahm sie Gespräche mit den Frauen, die sie fotografierte, auf und baute ihre Aussagen in Bildunterschriften und Begleittexten ein. Ihr Ziel war es, dem traditionellen Machtgefälle zwischen Fotograf und Dargestellten in der Dokumentarfotografie etwas entgegenzusetzen. Sie verbrachte deshalb genauso viel Zeit damit zuzuhören wie zu fotografieren, und sah das Erschaffen von Bildern nur als einen Teil von Begegnung, Gemeinsamkeit und gegenseitigem Vertrauen an.
Mit ihrem Werk wollte sie beweisen, dass das politische Potential der Fotografie nicht allein nur in dem Abgebildeten liegt, sondern auch darin, wie diese Bilder entstehen, verbreitet und zur Aktivierung von Handlungen verwendet werden. Dazu gehörte auch, dass sie nicht in Galerien ausstellte, sondern bewusst öffentliche oder gemeinschaftliche Orte wie Bibliotheken, Sportzentren und Schulen wählte. Wo sie vermutlich auch einem Publikum näher war, das sie mit ihren Fotos mobilisieren konnte. Für Franki Raffles waren gesellschaftliche und persönliche Ermächtigung, Kampf und Freude untrennbar miteinander verbunden: Politik, Arbeit und Familienleben wurden von ihr als Eins gelebt.
Begleitet von einer umfangreichen Publikation des Baltic Centre for Contemporary Art, leistet Raffles‘ erste große institutionelle Ausstellung einen entscheidenden Beitrag zur Sicherung ihres Vermächtnisses. Und bestimmt wäre sie begeistert davon, dass ihre Arbeiten in einem Museum ausgestellt werden, das sich den Lebenswelten von Arbeiterinnen und Arbeitern verschrieben hat.
„Franki Raffles: Photography, Activism, Campaign Works“, 06. Juni bis 06. September, Di geschl., Mi – Fr 10 – 17 Uhr, Sa – So 10 – 18 Uhr. Weitere Informationen auf www.shmh.de/museum-der-arbeit/