Die aktuellen Premieren der Privat- und Staatstheater

Die Neuproduktionen im September:
THALIA THEATER
MARSCHLANDE
Eine Frau, die vor fast 500 Jahren in ihrem Dorf als Hexe galt, und eine Frau von heute, die von der Stadt aufs Land zieht, um dort ein neues Leben anzufangen – beide Schicksale fügen sich in Jarka Kubsovas Roman „Marschlande“ zusammen. Der Fall der Abelke Bleken, die in Ochsenwerder einst als Hexe verurteilt wurde, geht auf eine wahre Begebenheit zurück. „Mein Gefühl ist, dass die Hindernisse, die der heutigen Britta begegnen, ihren Ursprung in der damaligen Zeit haben, in der Abelke so viel Unrecht widerfahren ist“, erklärt die Autorin, deren Roman 2023 zum literarischen Überraschungserfolg wurde. In einer Dramatisierung von Hannah Zufall bringt ihn die Regisseurin Jorinde Dröse im Thalia Theater auf die Bühne. Nach ihrem Umzug in die Marschlande stößt Britta, die sich in der neuen Umgebung nicht wohl fühlt, auf die Geschichte der Abelke und spürt eine seltsame Verbundenheit mit dieser kraftvollen Frau, die um ihre Selbstbestimmung kämpfte. Unrecht von damals und Ungerechtigkeit von heute – hat sich wirklich so wenig geändert?
THALIA THEATER
WAS IHR WOLLT
Im Thalia Theater beginnt die neue Spielzeit und die neue Intendanz unter Sonja Anders mit einem Klassiker, der von der neuen Oberspielleiterin Anne Lenk frisch aufgemischt wird. Die Liebe purzelt kreuz und quer durch die Geschlechter; falsche Hoffnungen und viele Täuschungen verwirren die Gefühle. In seiner Komödie „Was ihr wollt“ mixt Shakespeare die Leidenschaften kräftig durcheinander, ohne Rücksicht auf genspezifische Identitäten. Die Zwillinge Viola und Sebastian wurden bei einem Schiffbruch getrennt. Viola rettet sich an die Küste Illyriens und tritt als Mann verkleidet in die Dienste des Herzogs. Der liebt die Gräfin Olivia, die sich aber prompt in den fremden jungen – vermeintlichen – Burschen verguckt. Violas Herz indes entflammt heimlich für den Herzog. Als dann auch noch ihr Zwilling auftaucht, gerät das Liebeskarussell komplett ins Schleudern. „Die Figuren überschreiten permanent ihre Grenzen, sie geben sich dem Rausch hin, sie tun alles außer stillstehen. Es ist ein Gegenentwurf zur kühlen Weltpolitik“, meint die Regisseurin. Zur musikalischen Unterstützung ihrer Inszenierung holt sie das „Orchester im Treppenhaus“ aus Hannover dazu.
ERNST DEUTSCH THEATER
DANTONS TOD
Mit einem politisch-poetischen Klassiker startet das Ernst Deutsch Theater in die neue Saison, die zugleich auch der Start für die neue Intendanz unter Ayla Yeginer und Daniel Schütter, dem Sohn der bisherigen Intendantin Isabella Vértes-Schütter, ist. Georg Büchners Drama „Dantons Tod“ setzt nach dem Erfolg der Französischen Revolution von 1789 ein. Die siegreichen Jakobiner sind zerstritten, in der Schreckensherrschaft von Robespierre bestimmt die Guillotine die Machtverhältnisse. Ihr fallen auch die Revolutionäre selbst zum Opfer. Danton setzt sich für einen liberalen Staat ein und fordert das Ende des Blutvergießens. Robespierre lässt ihn und seine Anhänger verhaften und zum Tod verurteilen. Vor seiner Hinrichtung nimmt sich Dantons Frau Julie aus Liebe zu ihm das Leben - allerdings nur im Drama von Büchner. Der Autor (1813 – 1837) schrieb das Drama im Alter von nur 22 Jahren basierend auf historischen Quellen und Dokumenten. Im Mittelpunkt steht dabei die bis heute aktuelle Frage nach der Legitimität der Mittel im Kampf um die politischen Ziele. Wie weit darf man gehen, um seine Ideale zu verwirklichen? Im neuen festen Ensemble des Ernst Deutsch Theaters spielt Anatol Käbisch den Danton.
ERNST DEUTSCH THEATER
FRANKENSTEIN
Es ist die berühmteste Horrorgeschichte der Welt: Bei schaurigem Wetter im Urlaub am Genfer See erfand die 19-jährige Britin Mary Shelley 1816 zum Zeitvertreib die Story vom jungen Schweizer Wissenschaftler Victor Frankenstein, der ein Monster erschafft. Ihr Roman wurde 1931 zum ersten Mal verfilmt und machte den Schauspieler Boris Karloff in der Rolle des Monsters berühmt. Es folgten unzählige Film-Versionen, die jüngste soll noch in diesem Jahr bei Netflix herauskommen. Im Ernst Deutsch Theater bringt die Regisseurin Johanna Louise Witt eine neue Bearbeitung des Romans auf die Bühne. Nachdem Frankenstein seine Kreatur zum Leben erweckt hat, ist der Schöpfer selbst entsetzt über deren Hässlichkeit und wendet sich von ihr ab. Das gekränkte Wesen rächt sich und ermordet Viktors Bruder und seine Braut. Frankenstein bleibt nur die Flucht. Themen wie grenzenloser wissenschaftlicher Ehrgeiz, Mangel an Menschlichkeit und Verantwortung für die eigene Schöpfung werden in dieser frühen Science-Fiction-Schauer-Geschichte angesprochen, die gerade jetzt, im beginnenden Zeitalter der „KI“, zu denken geben könnte.
HAMBURGER KAMMERSPIELE
NÄCHSTES JAHR BORNPLATZSYNAGOGE
Das Grindelviertel war einmal ein bedeutendes Zentrum jüdischen Lebens in Hamburg. Das Konzept der Kammerspiele beruht zum Teil darauf, an diese Tradition anzuknüpfen, zu erinnern und mit der Gegenwart zu verbinden. Mit seinem Stück „Nächstes Jahr Bornplatzsynagoge“ hat Intendant Axel Schneider nun ein Kapitel Zeitgeschichte aus der nächsten Umgebung seines Theaters dramatisch aufgearbeitet. Die Vorgeschichte beginnt 1938: Der 13-jährige Sohn der jüdischen Familie Stein wird nach Palästina geschickt, um ihn vor den Nazis zu retten. Später kehrt er nach Hamburg zurück, wo er eine Familie gründet. Sein Sohn wiederum wird in den 1990er Jahren mit dem latenten Antisemitismus in Deutschland konfrontiert und will ein Zeichen dagegen setzen. Er beschließt, sich für den Wiederaufbau der von den Nazis niedergebrannten und zerstörten Bornplatzsynagoge einzusetzen. Der ehemalige Synagogenplatz ist nur noch ein Parkplatz und teilweise von Universitätsgebäuden überbaut. Ein langer Kampf durch die Institutionen, um Entschädigungen und Rückgaben und gegen die Sturheit mancher Beamten beginnt. Axel Schneider selbst inszeniert die Uraufführung in den Kammerspielen.
HAMBURGER KAMMERSPIELE
SIE SAGT. ER SAGT.
Als ehemaliger Strafverteidiger kennt sich Erfolgsautor Ferdinand von Schirach mit der Justiz bestens aus. Nach „Terror“ und „Gott“ lässt er in seinem Stück „Sie sagt. Er sagt.“ wieder ein moralisches Dilemma vor Gericht ausdiskutieren. Die TV-Moderatorin Katharina Schlüter beschuldigt ihren ehemaligen Geliebten, sie vergewaltigt zu haben. Er behauptet, sie wolle sich nur rächen, weil er sie verlassen habe. Aussage steht gegen Aussage, überzeugende Beweise gibt es nicht. Für beide hängt die berufliche und private Zukunft von dem Urteil ab. Aber: „Es gibt keine Wahrheit um jeden Preis“, sagt Ferdinand von Schirach und überlässt es dem Publikum, sich selbst eine Meinung zu bilden. Das spannende Gerichtsdrama erlebte 2024 im ZDF seine Uraufführung. In den Kammerspielen inszeniert es Intendant Axel Schneider mit Andrea Lüdke und Dirk Hoener, alternierend mit Ingo Meß, in den Rollen der Kontrahenten.
KOMÖDIE WINTERHUDE
VANYA
Tschechows Drama „Onkel Wanja“ ist durchzogen von Melancholie und Schmerz, von enttäuschten Träumen und vergeblicher Liebe. Wanja verwaltet das Landgut seiner verstorbenen Schwester für seinen Schwager Professor Serebrjakow, der ihm das kaum dankt. Das muss Wanja erkennen, als der Professor mit seiner zweiten Frau Jelena zu Besuch kommt. Er verliebt sich in Jelena, der Arzt Astrow, in den Wanjas Nichte verliebt ist, ebenso. Als Serebrjakow verkündet, dass er das Gut verkaufen will, kommt es vorübergehend zum Eklat – bis der eintönige Alltag wieder alle Hoffnungen und Emotionen begräbt. Der britische Autor Simon Stephens machte daraus ein Stück für nur einen Schauspieler. „Vanya“ wurde im vergangenen Jahr in London mit großem Erfolg uraufgeführt. In der Komödie Winterhude schlüpft Oliver Mommsen in sämtliche Rollen, mal liebenswert, mal tragisch, mal makaber komisch.
KOMÖDIE WINTERHUDE
DER VIDEOBEWEIS
Wer kennt das nicht in einer langen Ehe? Ein Streit entwickelt sich wegen einer Kleinigkeit, er behauptet: „Das hab ich nie gesagt (oder getan)!“, sie kontert „Hast du wohl!“ – oder umgekehrt. Wer sagt die Wahrheit? Schock für Justine und Jean-Marc: Sie bekommen plötzlich per E-Mail den „Videobeweis“ vorgeführt. Aber wer hat in der Küche eine Kamera installiert? Und auch, als sie die Kamera entfernt haben, werden sie per Videos mit ihren kleinen Lügen und Geheimnissen konfrontiert. Das Handy im Gefrierfach, das Essen im Mülleimer – der Täter wird entlarvt. Und nicht nur das: es taucht auch noch ein merkwürdiger Fremder in ihrer Wohnung auf. Die Ehe von Justine und Jean-Marc gerät auf den Prüfstand. Der französische Autor Sébastien Thiéry geht mit absurder Komik der Frage nach, wieviel Transparenz eine Beziehung verträgt. Seine Komödie wurde 2024 in Paris uraufgeführt. In der deutschen Erstaufführung in der Komödie Winterhude spielen Julia Jäger und Christoph M. Orth das Paar, das sich vor der Wahrheit nicht mehr verstecken kann.
THE ENGLISH THEATRE
THE INVISIBLE HAND
Terrorismus und globale Finanzmärkte – was haben sie miteinander zu tun? Der amerikanisch-pakistanische Autor und Pulitzer-Preisträger Ayad Akhtar untersucht diese Frage in seinem spannenden Thriller „Die unsichtbare Hand“. Der amerikanische Banker Nick Bright wird mit seinem Chef verwechselt und in Pakistan von Dschihadisten entführt. Für ihn will jedoch niemand ein Lösegeld bezahlen. Um sich selbst zu retten, schlägt er den Entführern vor, 10 Millionen Dollar durch den Handel an den Weltbörsen zu beschaffen. Sein Bewacher Bashir erweist sich als gelehriger Schüler, der bald erkennt, wie auch er Profit machen kann. Der Titel des Stückes, das Clifford Dean im English Theatre inszeniert, bezieht sich auf einen vom schottischen Philosoph und Ökonom Adam Smith geprägten Begriff über die unsichtbaren Kräfte, die die Weltwirtschaft prägen. Akhtar führt vor, wie sie ethisch und moralisch zur Gefahr werden können, wenn Geld zur Überlebensstrategie wird.
STAATSOPER HAMBURG
DAS PARADIES UND DIE PERI
Nicht mit einer Oper, sondern mit einem Oratorium stellt sich der neue Intendant Tobias Kratzer mit seiner ersten Premiere in der Hamburger Staatsoper vor. Er habe gerade seine „größeste und ich hoffe auch meine beste“ Arbeit abgeschlossen, schwärmte Robert Schumann 1843 und meinte damit „Das Paradies und die Peri“. Das dreiteilige Werk basiert auf einem von persischer Mythologie beeinflussten Märchen und erzählt in farbenreich liedhafter Musik von Peri, einem engelgleichen Fabelwesen, das sich vergeblich bemüht, wieder ins Paradies aufgenommen zu werden. Erst nach der dritten Opfergabe, den Tränen eines Verbrechers, der beim Anblick eines knieenden Kindes seine Übeltaten bereut, wird Peri der Eintritt in das Himmelreich gewährt. Als Panoptikum der letzten Jahre, mit den großen Krisen von Corona bis zu Krieg und Klimawandel, interpretiert Regisseur Kratzer das Oratorium. „Der Abend ist keine Oper, aber er zeigt, was Musiktheater sein kann. Und wo es an seine Grenzen stößt“, heißt es dazu von der Staatsoper. Die musikalische Leitung hat Omer Meir Wellber, der neue Leiter des Philharmonischen Staatsorchesters, die Peri wird von der Sopranistin Vera-Lotte Boecker gesungen.
Karten für die Neuproduktionen finden Sie im Ticketshop