
The Black Rider
Im Altonaer Theater wird Robert Wilsons legendärer Kultklassiker nach 35 Jahren wiederbelebt.
Regisseur Georg Münzel wagt sich an eine mit Spannung erwartete Neufassung.
„Ich bin ein großer Fan von
dem Stück“, sagt Georg Münzel,
Oberspielleiter am Altonaer
Theater. 1990, als „The Black
Rider“ am Thalia Theater seine
spektakuläre Uraufführung
erlebte, war er noch Schauspielschüler
in Hamburg. „Wilsons
spezielle artifizielle Ästhetik,
die kraftvolle Musik von Tom
Waits, dazu diese ursprüngliche
deutsch-romantische
Geschichte – das war ein einprägendes
Erlebnis für mich. “
Viermal ging er damals ins
Thalia Theater, für 3 Mark pro
Studentenkarte. Im Verlauf seiner
weiteren Schauspielkarriere
erlebte er das Stück danach
noch in drei verschiedenen, völlig
anderen Versionen und war
1997 in Nürnberg in der Rolle
des Wilhelm sogar selbst mit
dabei. „Ich hatte dann gar nicht
mehr die große Ehrfurcht vor
dem Projekt“, sagt er. Das ermutigte
ihn, schon vor Jahren
dem Intendanten Axel Schneider
eine Neuinszenierung
vorzuschlagen. In Hamburg hatte sich
bisher noch niemand daran gewagt.
Jetzt endlich sagte der Intendant zu.
Die allgemeine Erwartungshaltung
macht es Georg Münzel allerdings
nicht leicht: „Es ist schon ein bisschen
Druck dahinter.“
Er entschied sich, die düstere Welt
der Ursprungsgeschichte auf einen
Jahrmarkt zu verlegen, mit einer Losbude,
bunten Luftballons und Teddys.
„Die Grundidee ist, dass dort – wie in
der Geschichte – zwei Welten aufeinandertreffen:
Wilhelm, ein bürgerlich-er
Intellektueller aus der Stadt,
trifft auf die urwüchsige proletarische,
faszinierende, aber auch etwas beängstigende
Welt des Jahrmarkts.“ Die
Schauermär von Wilhelm, der einen
Pakt mit
dem Teufel schließt, damit er
sein geliebtes Käthchen heiraten kann,
stammt aus einem Gespensterbuch
von 1810. Durch Carl Maria von Webers
Oper „Der Freischütz“ wurde sie
weithin bekannt.
„Es ist letztlich eine ganz einfache
Geschichte“, meint Georg Münzel. „Es
geht um Liebe, um zwei Menschen,
die sich aber nicht haben können,
weil der eine die Regeln des anderen
nicht erfüllt. Und die muss er lernen.
In unserem Fall das Schießen. Und
weil er das allein nicht schafft, nimmt
er die Magie zu Hilfe. Heute würde
man das vielleicht mit Doping oder
Drogen erklären.“ Wegen der Drogenvergangenheit
des 1997 verstorbenen
„Black Rider“ - Autors William S. Burroughs
läge diese Assoziation nahe,
meint Münzel. Bei der Uraufführung
des Stückes überraschten Burroughs
Dialoge mit ihrer zum Teil kuriosen
Mischung aus Englisch und Deutsch,
die heute nicht mehr ganz so ungewöhnlich,
aber immer noch originell
und witzig ist. Sie bleibt bei Münzel
natürlich im Original erhalten. Aber:
„Die Vorlage hat nur 30 Seiten und ist
oft kryptisch und anekdotisch. Da wird
dem Publikum einiges abverlangt.
Man kann nicht alles verstehen, aber
es macht Spaß.“ Das gilt auch für die
zehn Schauspieler während
der Proben.
Die grandiose Inszenierung
des erst im Juli verstorbenen
amerikanischen Regisseurs
Robert Wilson bleibt dagegen
nur in der Erinnerung erhalten.
„Mir war klar, dass ich es
ganz anders machen muss“,
sagt Georg Münzel. „Bei uns
gibt es eine ganz andere Ästhetik. “
Das gilt auch für die
Umsetzung der Musik von
Tom Waits - zwangsläufig
schon deshalb, weil es im
Altonaer Theater keinen Platz
für ein großes Orchester gibt.
„Die Musik wird von den
Schauspielenden selbst gemacht“,
e rklärt der Regisseur.
„Es gibt keine Trennung von
Musik und Spiel. Man kann
das Ganze wie ein Happening
einer Truppe begreifen, die
ein Stück aufführt.“ Man soll
die Musiker sehen, die Instrumente
stehen auf der Bühne
– für die Ausstatterinnen
Sabine Kohlstedt und Yvonne
Marcour eine besondere Herausforderung,
denn das Marimbaphon,
ein XXL-Xylophon mit einem ganz
eigenen, warmen Klang, hat mit einer
Länge von 2,50 Metern fast das Format
eines Kleinwagens. Farina Adisa Kaiser,
das „Käthchen“, bedient zusätzlich
die Percussion, der „Wilhelm“, gespielt
von einer Frau, nämlich Noëlle
Ruoss, bläst Flöte, und der „Teufel“,
Rolf-Mares-Preisträger Jascha Schütz,
übernimmt Keyboard und Gitarre.
Ganz entscheidend war und ist für
Georg Münzel aber der musikalische
Leiter des Ganzen: Emil Schuler, der
in Altona auch schon die Rolle des
George Harrison im Beatles-Musical
„Backbeat“ gespielt hat. „Es war mit
das Schwierigste, jemanden zu finden,
der sich darauf einlässt, so eine Band
mit Schauspielern zusammenzustellen.
Emil Schuler hat für uns alles
arrangiert.“
Brigitte Ehrich
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